Reinheit kann nicht alles sein

Umjubelte Uraufführung des Musicals „Pfirsichbäckchen Mimi“ vom Studio Lev

Sie geben auf der Bühne alles: Jakob Recknagel (von links), Julian Schneider, Madleene Knoke, Baris Özbük, Hanna Heitzer, Victoria Heinze, Leonie Werner, Cecinho Feiertag und Yannik Bultmann.
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Sie geben auf der Bühne alles: Jakob Recknagel (von links), Julian Schneider, Madleene Knoke, Baris Özbük, Hanna Heitzer, Victoria Heinze, Leonie Werner, Cecinho Feiertag und Yannik Bultmann.

40 Jugendliche und junge Erwachsene haben mit dem Kasseler Verein Studio Lev selbst ein Musical geschaffen. Die Uraufführung wurde umjubelt.

Kassel- Erwachsen werden – das heißt, akzeptieren, dass das Leben voller Flecken ist. Mutter Dörti Dörte versucht im Jugendmusical „Pfirsichbäckchen Mimi“ zwar, ihre Tochter Mimi in der porentiefen Reinheit ihres Waschsalons von Ungemach abzuschirmen – doch irgendwann realisiert Mimi, dass sie eine eigene Identität, eine persönliche Geschichte haben will – und dass sie dazu die blütenweiße Welt zwischen Multifunktionstrockner und Bügeleisen verlassen muss. Ins Ungewisse stürzen, lebendig sein, fleckig werden.

Am Donnerstag feierte im Theaterraum des UK14 das vom Studio Lev mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen produzierte Stück eine glanzvolle Premiere. Coronagerecht für Besucher präsentiert und inszeniert von Tamara Bodden und Julian Mahid Carly, stimmte einfach alles – bis zu den titeltechnisch passenden Pfirsichringen als Pausensnack an der Bar.

Das großartige Projektergebnis unter Gesamtleitung von Svenja L. Schröder zu loben heißt auch, den Verein zu würdigen, der es auf die Beine gestellt hat. 40 Mitwirkende haben das Stück selbst erdacht, komponiert, getextet, Inszenierung und Choreografien erarbeitet, Kostüme geschneidert, Bühnentechnik geplant, die jungen Bühnendarsteller angeleitet, Merchandise entwickelt, Sponsoren akquiriert, ein Programmheft und Plakate gestaltet und ein coronagerechtes Ticketsystem entwickelt (und sicher noch mehr). Das hat einige Jahre gedauert. Das Ergebnis ist bewundernswert und wurde bei der Uraufführung bejubelt.

Mimi hat Muffensausen, aber sie traut sich irgendwann aus Mamas Waschsalon raus. Auch wenn es ihren imaginären Freunden Ariel, Lenor und Persil nicht gefällt. Die haben ihr zwischen Pulverschachteln und Trockenleinen (Ausstattung: Lasse Fischer) zwar Halt gegeben, persönliches Wachstum heißen sie aber nicht gut.

Die von Krystian Köhn geleitete Liveband erzeugt einen mitreißenden, abwechslungsreichen Sound zwischen Tango und Rap. Die Darsteller Leonie Werner, Madleene Knoke, Baris Özbük, Jakob Recknagel, Julian Schneider, Hanna Heitzer, Victoria Heinze, Cecinho Feiertag und Yannik Bultmann geben in aufgestülpten Plastik-Frisuren auf der Bühne alles. Sie meistern die schmissigen Choreografien von Anna Winter, sowie Balladen, fetzige Songs, große Ensemblenummern. Alles läuft rund und prima mit der kleinen Einschränkung, dass die witzigen Texte teils nicht optimal zu verstehen sind.

Rosafarbene Haushaltsgeräte sind die Allzweck-Requisiten, bis hin zu einem Telefon, das an einem selbstaufwickelnden Staubsaugerkabel hängt, Mutter Dörte diszipliniert das Töchterchen mit dem Bügeleisen. Und texlich ist es nie weit von der Nasssaugfunktion zum Philosophie-Sprech, dass das Sein das Bewusstsein bestimmt.

Viele Termine, Untere Karlsstraße 14, Tickets: tickets@studiolevkassel.de oder Mo-Sa, 14-18 Uhr unter 0163-845 11 81.

Von Bettina Fraschke

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