Sinfoniekonzert des Kasseler Staatsorchesters mit Werken von Franz Berwald und Robert Schumann

Der Reiz des Sperrigen und Schroffen

Überragender Solist: Benjamin Schmid in Kassel. Foto: Fischer

Kassel. Leicht machte es der schwedische Komponist Franz Berwald (1796-1868) den Geigern nicht. Sein Violinkonzert cis-Moll ist gespickt mit unangenehm zu spielenden Passagen. Umso schöner, dass es sich der österreichische Geiger Benjamin Schmid (41) nicht hat nehmen lassen, das Berwald-Konzert einzustudieren und mit dem Staatsorchester in Kassel erstmals zu spielen. Denn trotz mancher Sperrigkeiten hat das Stück einige Schönheiten zu bieten.

Das beginnt beim ungewöhnlichen, quasi tiefergelegten, Orchesterklang ohne Oboen und setzt sich fort in zahlreichen originellen solistischen Episoden. Gleich im ersten Satz gilt es, ungewöhnliche Staccato-Doppelgriffe klangvoll zu spielen, ehe sich eine warme Melodik entwickelt. Benjamin Schmid überwand nicht nur die technischen Hürden mit Bravour. Sein Spiel ist auch emotional so intensiv durchdrungen, dass es die Zuhörer in Bann nimmt. Dass es zudem über einen exquisiten Geigenton verfügt, zeigte er im mit feinen Arabesken verzierten stimmungsvollen Solopart des Adagios.

Wie feines Gelächter erscheinen die Abwärtsskalen der Solovioline im Finale, bei dem der knorrige Berwald dem Solisten nicht einmal den Virtuosenbeifall zu gönnen scheint: Die letzten Geigentöne werden vom vollen Orchesterklang überdeckt.

Benjamin Schmid erhielt dennoch Riesenapplaus in der fast ausverkauften Kasseler Stadthalle und erntete mit seiner bravourös gespielten Zugabe, Heinrich Ignaz Franz Bibers Passacaglia in g-Moll, den Jubel des Publikums.

Zuvor hatten das Staatsorchester und sein schwedischer Generalmusikdirektor Patrik Ringborg die Zuhörer bereits mit der Ouvertüre zu „Estrella de Soria“ auf die eigenwillige Klangwelt Berwalds eingestimmt. Hier war es der von tiefen Streichern und Posaunen dominierte Orchesterklang, der besonderen Reiz ausübte.

Eine lange Leidensgeschichte durchlebte Robert Schumann (1810-1856) mit seiner d-Moll-Sinfonie. Über mehr als ein Jahrzehnt zog sich der Prozess von Ablehnung und Umarbeitung, bis das Werk als Sinfonie Nr. vier 1853 schließlich erfolgreich aufgeführt wurde.

In der Schumann-Reihe des Staatsorchesters zum 200. Geburtstag des Komponisten gab es zunächst eine aufwühlende „Manfred“-Ouvertüre, bevor Patrik Ringborg mit einer kompakten, auch Schroffheiten nicht scheuenden Vierten einen starken Akzent setzte.

Langsam und schwer kam die Einleitung daher, umso kraftvoller folgte das Hauptthema des ersten Satzes. Dem dichten Orchesterklang hätte in den ersten Geigen noch etwas mehr Silberglanz gutgetan. Toll indes, wie Ringborg den polternden Beginn des Scherzos unmerklich ins Spielerische führte, ein Kunststück, das auch im sehr rasanten Finale gelang, wo sich Kraftmeierei in tänzerische Eleganz verwandelt. Laute Bravos nach dem mitreißenden Schlussgalopp.

Von Werner Fritsch

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