Religionskritik mit "Parsifal"

Wellnessbad: Klaus Florian Vogt als Parsifal (Mitte) mit Damen im orientalischen Outfit in Klingsors Reich. Fotos: Nawrath

Bayreuth. Uwe Eric Laufenberg eröffnet die Bayreuther Festspiele mit einem entmythologisierten „Parsifal".

Bayreuth. Die Kirche ist ein Flüchtlingslager. Die ersten Sonnenstrahlen fallen auf einen Mann auf einem Feldbett. Ist das Jesus? Für einen Moment spielt Uwe Eric Laufenberg in seiner „Parsifal“-Inszenierung zur Eröffnung der Bayreuther Festspiele mit einer religiösen Fantasie. Doch dann regiert der nüchterne Alltag in diesem durch Kämpfe beschädigten Sakralraum irgendwo im Irak.

Soldaten durchkämmen den Bau, der von einem Orden geführt wird, ein paar Touristen verirren sich hierhin - und dann Parsifal. So naturalistisch wie hier wird Wagners Bühnenweihfestspiel kaum einmal gezeigt - was bleibt da vom Mythos der Kunstreligion? Nicht viel. Religion hat’s schwer, besonders da, wo eine andere Religion dominiert, ist eine Botschaft. Eine andere lautet: Auch hinter der Fassade einer helfenden religiösen Gemeinschaft lauern Abgründe.

So wird der ahnungslose Parsifal bei der Gralsenthüllung Zeuge eines obskuren Rituals: Amfortas wird als Schmerzensmann inszeniert (nun wirklich eine Jesus-Kopie), dem Blut abgezapft wird, um die Gralsritter nicht nur spirituell zu nähren. Das erinnert an die Blutspende-Szene von Sebastian Baumgartens Kasseler „Parsifal“ (2002).

Eine Filmsequenz zur Verwandlungsmusik zoomt vom Ort des Geschehens google-maps-artig bis ins Weltall und signalisiert: Hier sehen wir ein universelles Phänomen - so funktioniert Religion.

Auf der anderen Seite ist es ja nicht besser: Klingsors Reich, ein Hamam, ein Wellnessbad, wird von verschleierten Damen bevölkert, die sich entblättern und dem Helden in Bauchtanz-Outfit auf die Pelle rücken (Bühne: Gisbert Jäkel, Kostüme: Jessica Karge). Im Vorfeld wurde über Laufenbergs angeblich islamkritische Inszenierung gemunkelt. Sind verschleierte Frauen auf der Bühne bereits Islamkritik? Es ist wohl komplizierter, wie Klingsor als heimlich flagellantischer Christ mit Kruzifix-Tick signalisiert.

Im dritten Aufzug fasert Laufenbergs Regie etwas aus. Zuerst erscheint Parsifal, situativ passend, in Kampfmontur. Doch beim Karfreitagszauber tanzen auf einmal nackte Paradieskinder im Tropenregen, und am Ende werfen alle ihre religiösen Accessoires - Kruzifixe, siebenarmige Leuchter - in Titurels geöffneten Sarg. So ganz traut die Regie der Kraft des Realismus also nicht.

Die Botschaft ist dennoch klar und eröffnet als Dalai-Lama-Zitat das Programmheft: „Ich denke an manchen Tagen, dass es besser wäre, wenn wir gar keine Religionen mehr hätten.“ Ist das nun der „Parsifal“ zur aktuellen Terrorlage, wie vielfach behauptet? Natürlich korrespondiert die Polizeipräsenz am Festspielhaus mit den Kämpfern auf der Bühne. Doch darüber hinaus wird hier der seltene Versuch unternommen, Wagners „Parsifal“ mit der Realität zu kommen und nicht mit einem Gegenzauber.

Die Musik

Ob Absicht oder nicht: Hartmut Haenchen, der für den etatmäßigen Dirigenten Andris Nelsons einsprang, liefert mit seinem nüchternen, recht zügigen Dirigat den passenden Soundtrack zu Laufenbergs Inszenierung. Zeigen, was in der Partitur steht, aber keine Extravaganzen, lautet die Devise. Das beinhaltet starke Steigerungen, schöne Pianostrecken, aber stets bleibt auch Distanz.

Klaus Florian Vogt wird als Parsifal seinem Bayreuther Superstar-Image nicht ganz gerecht. Etwas flach klingt die Stimme in der Mittellage, selten dringt Vogts leuchtend klare Höhe durch. Gefeierter Star der Produktion ist Georg Zeppenfeld als bassgewaltiger, bestens deklamierender Gurnemanz. Eine Entdeckung ist Ryan McKinny als Amfortas. Grandios seine Intensität und stimmliche Leuchtkraft. Explosive Emotionalität und stimmliche Kraft vereint Elena Pankratova als wandlungsfähige Kundry. Auf gutem Bayreuth-Niveau bewegen sich die übrigen Sänger und der Chor.

Viel Beifall, aber keine überwältigenden Bekundungen gab es für die Sänger und den Dirigenten, zaghafte Versuche, das Regieteam auszubuhen, wurden von Beifall überdeckt.

Opernführer: Parsifal

Richard Wagners letzte Oper, das Bühnenweihfestspiel Parsifal, wurde 1882 im Bayreuther Festspielhaus uraufgeführt.

Die Handlung: Gralskönig Amfortas wurde vom abtrünnigen Gralsritter Klingsor mit dem heiligen Speer verwundet - nachdem er sich von Kundry verführen ließ. Die Wunde kann nicht heilen. Nur einer - „durch Mitleid wissend, der reine Tor“ - kann ihn erlösen. Im ersten Aufzug gerät der ahnungslose Parsifal in diese Welt, die der Gralsritter Gurnemanz anführt. Er erlebt mit, wie Amfortas trotz seines Leidens den kraftspendenden Gral enthüllen muss - versteht aber nichts. Im zweiten Aufzug wird Parsifal in Klingsors Burg von Blumenmädchen bezirzt, widersteht ihnen aber ebenso wie der Verführerin Kundry und erlangt so von Klingsor den heiligen Speer. Nun wird ihm das Leiden des Amfortas bewusst - er empfindet Mitleid. Im letzten Aufzug kehrt Parsifal Jahre später zur Gralsburg zurück. Er tauft Kundry, heilt Amfortas mit dem Speer und wird neuer Gralskönig. Das Stück endet mit den Worten „Erlösung dem Erlöser“. (w.f.)

Von Werner Fritsch

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