Rembrandt vor Plastikvorhang

Gemäldegalerie erinnert an Arnold-Bode-Inszenierung

Das „Bildnis Rembrandts mit verschatteten Augen“ (Kopie seiner Werkstatt 1633-35) in der Rekonstruktion des von Arnold Bode entworfenen Passepartout-Rahmens. Foto: dpa

Kassel. „Das Auge wird geblendet, irritiert, verstimmt“, empörte sich Ernst Buchner, Generaldirektor der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, 1956 in der Zeitschrift „Weltkunst“.

Die Kasseler Rembrandts, Rubens und Dürers würden „ohne Gefühl für die Einmaligkeit und Einsamkeit des großen Kunstwerks (...) geradezu zu farbigen Reproduktionen degradiert“.

Was der Münchner Kunsthistoriker als „Enttäuschung von Kassel“ bezeichnete, war ein mutiges Experiment im Landesmuseum, für das Arnold Bode verantwortlich war. 1955 hatte der Kasseler Professor die documenta initiiert, im Jahr darauf konzipierte er die Ausstellung, mit der die im Krieg ausgelagerten Gemälde erstmals wieder präsentiert wurden.

Im Museum Schloss Wilhelmshöhe widmet sich eine Kabinettausstellung diesem „ausgesprochen spannenden Thema“, wie die stellvertretende MHK-Direktorin Dr. Gisela Bungarten findet. Wie energisch sich Bode jenseits der documenta in Kasseler Kunstdebatten einschaltete, dürfte tatsächlich wenig bekannt sein.

Was hatte Bode getan, dass die Bayerische Staatszeitung titelte: „Wie man Bilder nicht hängen soll“? Er präsentierte die Gemälde in sechs Räumen des Landesmuseums bei künstlicher Beleuchtung durch Spots - das Tageslicht war ausgeschlossen - vor Wand- und Deckenbehängen aus Kunststoff und farbig gefassten Paneelen. Ebenfalls in kräftigen Akzentfarben gehaltene Stellwände gliederten die Räume. So ergab sich eine gänzliche neuartige, ungewohnte Ausstellungsästhetik.

Bodes Ziel war, wie bei der documenta, ein Raumerlebnis zu schaffen, aber auch den Fokus auf das Einzelwerk zu legen - die jeweiligen Hauptwerke eines Raums, etwa der „Jakobssegen“, wurden durch einfassende Wandplatten hervorgehoben.

Konzipiert von documenta-Gründer Arnold Bode: Blick in die Ausstellung „Die Wiener Gemälde kehren zurück“ 1956. Foto: mhk

Dr. Justus Lange, Leiter der Gemäldegalerie Alte Meister, und Volontärin Julia Carrasco haben tief in den Archiven gegraben, um Bodes neuartige Ideen anschaulich zu machen und sie der Präsentation der Vorkriegszeit gegenüberzustellen. Sie zeigen das von Bode verfasste Konzept, wie er die „verloren geglaubten ,Kinder‘“ aus Wien auszustellen gedachte, Raumpläne, das Plakat der Schau, Fotos, einen ARD-Wochenschau-Ausschnitt, Zeitungsartikel, das Musterbuch der „Göppinger Plastics“ - mit der Firma Kaliko hatte Bode auch bei der documenta zusammengearbeitet - sowie einen erhaltenen Originalrahmen von 1956. Ein Gemälde aus der Rembrandt-Werkstatt in einer Rekonstruktion dieses einheitlich hellen Leinenpassepartout-Rahmens mit schwarzen Holzleisten ist einer Rembrandt-Kopie in einem Rahmen des 17. Jahrhunderts gegenübergestellt.

So gut wie kein Gemälde habe noch seinen Originalrahmen, so Lange, jede Rahmung sei im Grunde eine Interpretation: „Da transportiert sich historische Geschmacksbildung und -geschichte.“ Bode habe Rembrandt eine sakralisierende Aura mit calvinistischer Strenge gegeben.

Während der Münchner Museumschef Buchner beklagte, die Bilder würden durch die Schematik der Rahmung „egalisiert“, bekam Bode auch viel Beifall für den frischen Zugang im Geist der Zeit: weil der Besucher einen fremden, unbekannten Rembrandt sehe, vielleicht zum ersten Mal, „nicht nur von Bildung gelangweilt“, wirklich hinschaue, statt nur zu promenieren. Immerhin: 70 000 Besucher kamen, es gab, in der internationalen Fachwelt und mit lokalen Leserbriefen, angeregte Debatten.

Auf die hoffen die Kuratoren auch jetzt. Das Kabinett im Schloss verweist auf eine aktuell virulente Frage, die über die Erinnerung an die Bode-Inszenierung hinausgeht: Was soll ein Museum leisten? Der Beitrag des Kritikers Benno Reifenberg ist auch heute diskussionswürdig: „Es ist, als werde die künstlerische Bedeutung eines Bildes mit Sensation gleichgesetzt. Sensation kann ihrem Wesen nach aber nicht dauern. Ein Museum ist gerechtfertigt allein als das Gehäuse der Dauer. Es enthält das Beharrende.“

Hintergrund: Auslagerung im Krieg

Die wertvollsten 63 Kasseler Gemälde waren im Zweiten Weltkrieg ohne Rahmen durch das Kunsthistorische Museum Wien in einem Banktresor ausgelagert. Nach Abschluss des Österreichischen Staatsvertrags 1955 konnten die Meisterwerke nach Kassel zurückkehren. Zuvor wurden sie vier Wochen in Wien ausgestellt.

Zeitknappheit, fehlende Rahmen - viele waren im Krieg in Kassel zerstört worden - und begrenzte Mittel zwangen Arnold Bode zum Improvisieren. Als Dauerlösung favorisierte er das damals noch nicht wiederaufgebaute Fridericianum. Die Gemälde blieben aber bis 1974 im Landesmuseum und zogen dann auf die Wilhelmshöhe um.

Bis 17. April, Museum Schloss Wilhelmshöhe. 13.1., 18 Uhr, Abendgeschichte: „Das rechte Licht für Rembrandt?“ Über Arnold Bodes Inszenierung spricht Dr. Justus Lange.

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