Tim Renner über die Zukunft des Pop: "Als Eltern sind wir die Pest"

Berlin. Tim Renner ist einer der klügsten Köpfe des deutschen Popgeschäfts. Der Berliner entdeckte Bands wie Rammstein und Element of Crime, war Manager der Plattenfirma Universal und ist jetzt Chef der Firmengruppe Motor Entertainment.

Nun hat der 48-Jährige mit der Promoterin Sarah Wächter das lesenswerte Buch „Wir hatten Sex in den Trümmern und träumten. Die Wahrheit über die Popindustrie“ geschrieben.

Es ist 20 Jahre her, dass Sie auf Schloss Waldeck die Zukunft der Musikindustrie geplant und so etwas wie den Online-Plattenladen iTunes vorausgesagt haben. Erinnern Sie sich noch?

Tim Renner: Das war 1993 bei der Zukunftswerkstatt, zu der die Plattenfirma Polygram junge Manager am Edersee zusammenbrachte. Unsere Frage lautete: Wie wird das Geschäft sein im Jahr 2010? Wir kamen zu dem Schluss: Das Geschäft wird nicht mehr physisch stattfinden. Unser Vorschlag war ein zentraler Server der Industrie, über den man sich Tracks abruft. Wir glaubten allerdings, dass man sich eine CD ausdrucken würde. Insgesamt waren wir trotzdem nah dran.

Warum hat es dann doch nicht geklappt? Warum musste erst Apple mit iTunes die Musikwelt revolutionieren?

Renner: Es hat nicht geklappt, weil unser Vorschlag das Geschäftsmodell der Industrie angegriffen hat. Der Chef der Rechtsabteilung rief empört: „Das ist doch Kommunismus.“ Damals florierte die Musikindustrie, da man kontrollieren konnte, was die Konsumenten kauften. Man machte die Musik-Fans mit zwei, drei Songs heiß. Diese Songs bekam der Musik-Fan aber nur, wenn er das gesamte Album, also gleich zwölf Songs erworben hatte. Man musste null auf Kundenwünsche eingehen.

In Ihrem Buch beschreiben Sie Pop-Regeln. Lautet die wichtigste: Hier geht es nicht um Virtuosen, sondern um Individualisten mit Charisma?

Renner: Ja, man kann es auch so ausdrücken: Wenn du nichts zu sagen hast, sing besser nicht. Es geht darum, was Eigenes zu haben und nicht nur eine Kopie zu sein. Nur zu beweisen, dass man technisch etwas kann, ist nicht interessant. Sie gucken ja auch nicht einem geübten Malermeister zu, wie er eine Wand streicht.

Eine andere Regel aus Ihrem Buch ist das „Drei-???-Prinzip": Wie bei der Jugendkrimireihe bekommt auch in der Band einer die meiste Aufmerksamkeit und die Mädchen, einer hält alle bei Laune, und der Dritte ist der Kluge und zieht hinter den Kulissen die Fäden.

Renner: Dieses Prinzip hat man schon bei den Beatles gesehen. Sie haben die „Drei ???" quasi vorweggenommen. Im Ernst: Der Autor der Buchreihe wusste sehr genau, wie man Menschen einbindet und was eine klare Gruppenaufteilung ist. Wahrscheinlich kennen Sie das auch aus ihrer Jugend: Meistens gab es den einen gut Aussehenden und Charmanten, den einen Schlauen und den lustigen Dicken. Mit denen ist man dann um die Häuser gezogen.Bei mir selbst hat es meistens bestenfalls zum „Schlauen" gereicht...

Immerhin, besser als der lustige Dicke. Später haben Sie Ihre Mails bisweilen mit „Gott" unterschrieben. Im Buchtitel zitieren Sie einen Songtext der Sterne, in dem es heißt: „Wir fanden uns ganz schön bedeutend." Nimmt sich die Musikbranche generell zu wichtig?

Renner: Man nahm sich relativ wichtig, denn man war ja so unglaublich erfolgreich in den 90er-Jahren. Auch heute tritt die Branche noch relativ massiv auf, wenn man bedenkt, wie klein sie eigentlich ist. Schon damals hat der Musikmanager Thomas Stein den Satz geprägt: „Die Branche ist kleiner als die deutsche Tannenbaumindustrie." Heute ist sie nicht mal halb so groß wie die Tannenbaumindustrie, aber auch als Zwergtanne lebt sie noch ganz lustig. Das mit Gott in der Mail war übrigens anders. Wir hatten damals ein Mail-System, in dem man oben den Absendernamen ändern konnte. Statt tim.renner@irgendwas.de habe ich dort manchmal gott@irgendwas.de eingetragen. Ein Mail von Gott öffnet schließlich jeder sofort. Ich habe auch gerne die Adresse meines Chefs genutzt und erstaunliche Antworten bekommen.

Eine andere Ihrer Thesen lautet: Künstler machen Musik, um sich selbst zu verwirklichen oder um ihr Aufmerksamkeitsdefizit zu kompensieren. Wer fällt in letztere Kategorie?

Renner: Dieter Bohlen zum Beispiel. Dass er der ungeliebte Sohn ist, merken Sie bei jeder seiner Äußerungen - zum Beispiel wenn er wie so häufig betont, dass er Abitur hat. Dieter Bohlen braucht ganz eindeutig Aufmerksamkeit. Es geht ihm ausschließlich um die Wahrnehmung seiner Persönlichkeit. Aus musikalischem Antrieb war er nie tätig. Sonst würde er sich nicht so häufig wiederholen. Er lebt von drei Songs, die er immer wieder neu zusammensetzt.

Im Buchtitel zitieren Sie einen Text der Sterne, in dem es heißt: „Wir fanden uns ganz schön bedeutend.“ Nimmt sich die Musikbranche zu wichtig?

Renner: Man nahm sich relativ wichtig, denn man war ja so unglaublich erfolgreich in den 90er-Jahren. Auch heute tritt die Branche noch relativ massiv auf, wenn man bedenkt, wie klein sie eigentlich ist. Schon in der Hochphase hat der Musikmanager Thomas Stein den Satz geprägt: „Die Branche ist kleiner als die deutsche Tannenbaumindustrie.“ Heute ist sie nicht einmal halb so groß wie die Tannenbaumindustrie, aber auch als Zwergtanne lebt sie immer noch ganz lustig.

Das Schlagwort der vergangenen Jahre war die Retromania. Alle Künstler variieren nur noch das Vergangene. Werden wir noch einmal etwas wirklich Neues hören im Pop?

Renner: Das wird schwierig, weil ein Mechanismus des Pop außer Kraft gesetzt ist: die Provokation. Pop hat sich immer dadurch erneuert, dass eine Generation neue Ausdrucksformen gefunden hat, die die ältere Generation nicht verstehen konnte. Das ist gelungen mit Punk und Techno und auch mit Deutsch-HipHop.

Sie meinen reaktionäre Brutalo-Rapper wie Bushido.

Renner: Genau. Aber jetzt stagniert es. Das liegt an Leuten wie mir. Als Elterngeneration sind wir die Pest. Wir sind popsozialisiert und können jeden Code verstehen. Damit wird es für die jungen Leute schwer, sich abzugrenzen. Was sollen meine Töchter tun? Ihnen bleibt nur übrig, Nazi-Rock zu hören. Aber dafür sind sie zu intelligent. Diese Entwicklung erklärt übrigens, warum viele Jungs in Computerspielwelten flüchten. Da kann Papi schlecht mitreden.

Wenn wir den Pop retten wollen, sollten wir also wieder wie unsere Eltern werden.

Renner: Das würde helfen, aber eine Rückentwicklung ist unmöglich. Es ist nicht so einfach, Sachen zu vergessen.

Tim Renner, Sarah Wächter: Wir hatten Sex in den Trümmern und träumten. Die Wahrheit über die Popindustrie. Berlin Verlag, 335 Seiten, 14,99 Euro. Wertung: vier von fünf Sternen

Zur Person

Geboren: am 1. Dezember 1964 in Berlin. Sein Stiefvater war Deutschlands erfolgreichster Bibel-Verleger. Ausbildung: Sein Germanistikstudium brach das Ex-Mitglied der Punkband Quälende Geräusche nach nur einem Semester ab. Karriere: Renner arbeitete bei Polydor und Universal und entdeckte Bands wie Rammstein und Element of Crime. Heute ist er Chef von Motor Entertainment und Professor an der Popakademie Baden-Württemberg Privates: Lebt mit seiner Frau und zwei Töchtern in Berlin. Das Buch: Schrieb er mit der DJane und Promoterin Sarah Wächter.

Von Matthias Lohr

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