Die Retter des Rock: Das neue Album der Strokes

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So sahen The Strokes 2003 aus: Für ihr neues Album ließen sich (von links) Nikolai Fraiture, Albert Hammond Jr., Fabrizio Moretti, Julian Casablancas und Nick Valensi gar nicht mehr fotografieren. Kein Wunder, ihr Rock ist ja auch zeitlos schön.

Es ist nicht mehr ganz klar, wann die beste Band der Welt uncool wurde. 2001 veröffentlichten The Strokes ihr Debütalbum, das, so überliefern es die Geschichtsschreiber, nicht weniger als den Rock rettete.

Damals gaben testosterongesteuerte Nu-Metal-Bands den Ton an, und dann kamen fünf lässig aussehende New Yorker und gaben dem Genre seine Würde zurück.

Keiner der elf Songs von „Is This It“ war länger als vier Minuten. Die Musik klang nach dem dreckigen 70er-Jahre-Sound von Velvet Underground und den Stooges, aber auch faszinierend neu. Das war es. Aber nun sind zwölf Jahre vergangen und wir erzählen immer noch die alte Geschichte der Rock-Revolution, die vielleicht auch nur ein mediales Phänomen war. Seither hat das Quintett drei weitere Alben veröffentlicht, die alle das Schicksal teilten, sich mit dem Debüt messen lassen zu müssen.

Nun ist das fünfte Strokes-Album erschienen, und nichts ist mehr so wie 2001. „Comedown Machine“ sei eine „biedere, rückwärtsgewandte 80er-Jahre-Platte“, schreiben die Kritiker, die Musiker seien „in der dunkelsten Stunde ihres bisherigen Schaffens angekommen“. Das Vorgängeralbum „Angels“ verkaufte sich nicht mehr richtig gut. Als cool gelten nun andere Bands. Dabei ist „Comedown Machine“ wahrscheinlich das beste Album, das eine Gruppe machen kann, die an ihrer Vergangenheit scheitern muss.

Wie bereits „Angels“ sind auch die elf neuen Songs von den 80ern beeinflusst. Die Synthie-Melodie der Vorabsingle „One Way Trigger“ erinnert stark an „Take On Me“ des norwegischen Trios A-ha. Dazu singt Julian Casablancas nicht mehr mit seiner verschnupften Nölstimme, sondern wie ein Kastrat im Falsett. Für konservative Fans der ersten Stunde muss das ein schwerer Schlag sein - ebenso wie „Tap Out“, das auch dem Pop-König Michel Jackson gut zu Gesicht gestanden hätte. Und das Abschlussstück „Call It Fate, Call It Carma“ ist eine süßschräge Ballade, bei der Casablancas noch mehr nach Frau klingt.

Trotzdem gibt es in Songs wie „Welcome To Japan“ auch wieder die dengelnden Gitarren und die scheppernden Schlagzeug-Beats, mit denen die Strokes berühmt wurden. Für die Indie-Disco bietet „Comedown Machine“ genügend Hits.

Es bleibt die Frage, was jetzt noch kommen kann. Der Vertrag mit der Plattenfirma RCA läuft aus. Das rote Cover zeigt nur die drei Buchstaben des Labels. Die Musiker haben weder Interviews gegeben noch neue Bandfotos machen lassen. Dafür haben sie verlauten lassen: „Das ist unser letztes Album.“ Falls das stimmt, muss man sagen: So cool hat selten eine Band Schluss gemacht.

The Strokes: Comedown Machine (RCA/Sony).

Wertung: vier von fünf Sternen

Von Matthias Lohr

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