Der Baunataler Manuel Hartung hat mit Cosima Schmitt ein Buch über die Generation um 30 geschrieben

Die Revolte der Flexiblen steht bevor

Die Stimmung im Generationenporträt „Die netten Jahre sind vorbei“ ist wie auf einem Kirchentag: Erst intensiv das Wir-Gefühl stärken, dann mit einer provozierenden Botschaft rausrücken und mit einem starken Handlungsimpuls ins Leben zurückkehren.

Das Sachbuch des Baunatalers Manuel Hartung und von Cosima Schmitt versteht sich als Porträt der Generation der 20- bis 35-Jährigen, die hier plakativ, aber auch ziemlich unsinnig „Generation ohne Generation“ genannt wird. Gemeint ist: Generation ohne charakterisierendes Etikett, denn die Autoren stellen fest, dass jede Art der Schubladisierung ihrer Alterskohorte unangemessen sei. Sie etwa als Generation Facebook zu bezeichnen, finden sie falsch, denn die Form der Teilhabe am öffentlichen Leben sei nicht wichtiger als die Inhalte.

Flexibel muss die Generation sein, so das Argument. Schwierige Berufsperspektiven, Dauerpraktika, Schmalspurstudium im unausgegorenen Bachelor-Konzept und auf den ersten Blick nichts, wogegen sich eine gemeinschaftsstiftende Revolte lohnen würde: Die jungen Leute (gemeint sind Akademiker und Kreative) entern ihr Erwachsenenleben auf unsicherem Terrain.

Darin liegt aber, so Hartung und Schmitt, auch eine Chance. Ihre Generation ist geprägt von „effizientem Idealismus“: Man ist optimistisch gestimmt, weil man um die eigene Fähigkeit weiß, mit unsicheren Situationen umzugehen. Mit vielen Einschätzungen von Beispielpersonen, unter Auswertung aktueller Studien und in flotter Sprache beleuchten sie die Felder Studium, Berufseinstieg, Werte, Emanzipation/Privates (hier ist die Abgrenzung zu anderen Alterskohorten spürbar am schwierigsten zu treffen) sowie politisches Engagement.

Dazu geht es im letzten Teil des Buches unter der Überschrift „Wir und der gefährlichste Jahrgang aller Zeiten“ zur Sache: Hartung/Schmitt entwerfen ein Schreckensszenario, wo ihre Generation gegen die Babyboomer kämpfen muss. Die geburtenstärkste Jahrgänge der Republik, heute Mitte vierzig, werden in 20 Jahren im Rentenalter sein und dann von den jetzigen Berufseinsteigern alimentiert werden müssen. Das kann schon rechnerisch nicht klappen. Weil die Babyboomer zudem saturiert sind, Privilegien nicht abgeben werden und eine große Wählermacht darstellen, wird es zum Konflikt kommen, für den sich die Jungen nicht früh genug wappnen können.

Das trotzdem optimistische Fazit: Die jungen Erwachsenen haben alle Voraussetzungen zum Glücklichsein, denn sie haben nicht mehr die Erwartung, dass Job, Partner, Wohnort und Freundeskreis fürs Leben bleiben. Change, das Obama-Motto, ist auch Devise der „Generation ohne Generation“. Und daraus zieht sie ihr Glück.

Manuel Hartung, Cosima Schmitt: Die netten Jahre sind vorbei, Campus, 197 S., 17,90 Euro, Wertung: drei von fünf Sternen

Zu den Personen

Manuel Hartung (28) wurde in Fritzlar geboren, wuchs in Baunatal auf und besuchte in Kassel die Jacob-Grimm-Schule. Als Schüler schrieb er erste Texte für diese Zeitung. Er besuchte eine Journalistenschule, studierte, veröffentlichte mehrere Bücher und ist seit 2007 Chefredakteur von „Zeit Campus“. Er ist verlobt und studiert derzeit in Harvard.

Cosima Schmitt (34) wurde in Mönchengladbach geboren und hat in Hamburg, Montpellier und Mexiko-Stadt Geschichte, Germanistik und Volkswirtschaftslehre studiert. Sie besuchte eine Journalistenschule. Bis 2008 war sie Politikredakteurin der „tageszeitung“. Heute ist sie Redakteurin der „Zeit“, ledig und lebt in Hamburg und Berlin.

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