Theatertage: Max Frischs „Graf Öderland“ aus Gießen

Revoluzzer probt Posen

Wandlungsfähig: Kyra Lippler und Roman Kurtz (Mitte) sprechen mit Christian Fries, der den Staatsanwalt spielt. Foto: Wegst

Kassel. „Sie sind frei“, sagt der Verteidiger. „Was heißt das?“, antwortet der Mörder in Max Frischs Stück „Graf Öderland“. Was ist überhaupt Freiheit? Und was bedeutet sie für unsere Gesellschaft? Diese Fragen bearbeitet Max Frisch in seiner Moritat, mit der das Stadttheater Gießen bei den Hessischen Theatertagen ins Kasseler Staatstheater eingeladen war.

Am Donnerstag gab es viel Applaus im zu drei Vierteln gefüllten Schauspielhaus für Dirk Schulz’ optisch opulente Inszenierung und ein elfköpfiges, bestens aufgelegtes Ensemble.

Das irrlichterte und slapstickte in wechselnden Rollen durch die zehn surrealen Bilder, die sich auf und neben einem langen weißen Steg (Bühne und Kostüme: Bernhard Niechotz) entwickelten. Staatsanwalt Martin steigt aus seinem eingefahrenen Leben aus, als er mit einem Fall konfrontiert ist, wo ein Mann ohne Motiv mordet - nur aus Langeweile. Eines Nachts verschwindet der verzweifelnde Martin, greift eine Axt, um selbst gewalttätig zu werden, und taucht in den Untergrund ab.

Schnell bildet sich um ihn eine Bewegung - viele Menschen mit vielen Äxten proben die Anarchie. Doch als Martin erwacht, weiß er nicht, ob der Aufruhr und seine Reise zu einer Köhlerhütte, zum Präsidenten und ins Rebellenquartier nur geträumt war.

Der wandlungsfähige Christian Fries gibt dem Staatsanwalt viele Facetten: als anzugtragender Wutbürger, als Dandy der saturiert-alternativen Toskanafraktion und als eitler Kämpfer, der eher Revoluzzerdarsteller als tatsächlicher Revolutionär ist. „Graf Öderland“ ist nicht das stärkste Stück von Max Frisch, viele Sequenzen sind doch recht parolenhaft. Wie die Inszenierung aber Fabian Kühnleins Video- und Tonaufnahmen (auch von Max Frisch selbst) integriert, wie die Bühne sich stetig verändert und wie sich das rollenwechselnde Ensemble quasi nebenbei noch mit Max Frischs Dauerfrage nach der Identität des Menschen beschäftigt, überzeugt.

Von Bettina Fraschke

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