Auftakt zu Richard Wagners "Ring des Nibelungen" in Kassel 

"Das Rheingold" - oder: Was Macht mit uns macht

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Wenn nicht Liebe, dann eben das Gold: Die Rheintöchter (von links) Woglinde (Elizabeth Bailey), Floßhilde (Marta Herman) und Wellgunde (Marie-Luise Dreßen) lassen Alberich (Thomas Gazheli) auflaufen. 

Kassel. Am Samstag hatte im ausverkauften Kasseler Opernhaus "Das Rheingold" Premiere.  In der Inszenierung von Markus Dietz, musikalisch geleitet von Francesco Angelico, erhielt die erste der vier "Ring"-Opern Richard Wagners viel Beifall, aber auch einige Buhs.  

Ein neuer „Ring“ in Kassel! Bereits zum fünften Mal in 60 Jahren bringt das Staatstheater Richard Wagners monumentalen Opernvierteiler auf die Bühne. Und da kein Werk der Operngeschichte eine solche Vielfalt an Deutungen erfahren hat wie „Der Ring des Nibelungen“, ist die Spannung bei der Premiere des ersten Teils, dem „Rheingold“, am Samstag besonders groß.

Vielleicht weil derzeit große Weltentwürfe allgemein auf Skepsis stoßen, hat Regisseur Markus Dietz auf ein übergreifendes Motto verzichtet und sich die Handlung im Detail vorgenommen – im Einklang mit Generalmusikdirektor Francesco Angelico, der Wagners Musik mit schnörkelloser Klarheit, ohne pathetische Überlast ertönen lässt.

Wagners Weltmythos wird also konkret gemacht, ins Heute geholt, und so enthüllt er seine gesellschaftskritische Schärfe. Das Rheingold, das der Nibelung Alberich raubt, sind die vielen Menschen, die ihn beim anfänglichen Werben um die Rheintöchter quasi als Badegäste umgeben. Sie dienen ihm dann als Arbeitskräfte, die später der Gott Wotan ihm abpressen wird, um die Riesen für ihren Bau der Götterburg Walhall zu bezahlen.

Es sind eindrucksvolle Bilder, wenn die nur mit weißer Unterwäsche bekleideten Menschen (Kostüme: Henrike Bromber) verschachert werden. Doch es zeigt sich auch, dass das Übersetzen eines mythisch überhöhten Geschehens in konkrete Realität eine Inszenierung vor größere Probleme stellt als das Etablieren einer von der Ursprungshandlung abgelösten Erzählebene.

Übersetzungshilfe gibt ein Glossar im Programm, das Fragen beantwortet wie: Was ist der Tarnhelm? Hier ist es ein Hightech-Gerät, das virtuelle Realität erzeugt – konkret: Alberichs Verwandlungen in eine Schlange und Kröte – und der Machtausübung dient. Auf der Bühne erschließt sich das nur eingeschränkt. Mitunter führt der Realismus auch in die Logikfalle: Wenn die Götter mangels Freias (Jaclyn Bermudez) verjüngender Äpfel sich auf Rollatoren stützen müssen, um dann durch den Genuss nur eines Apfels wieder zu Kräften zu kommen.

Stark ist die Inszenierung immer dann, wenn sie Beziehungen zwischen den Figuren aufzeigt, etwa die subtil-heikle Ehebalance zwischen Wotan (Bjarni Thor Kristinsson) und Fricka (Ulrike Schneider) – Fortsetzung in der „Walküre“.

Zur Zentralfigur aber wird der Halbgott Loge. Lothar Odinius gibt ihn als quecksilbrigen Wanderer zwischen den Welten. Ein schlauer Nerd, der sich als Berater unverzichtbar gemacht hat – und über Außenperspektive verfügt: „Ihrem Ende eilen sie zu, die so stark im Bestehen sich wähnen.“ Mit seiner klaren, gut grundierten und fein artikulierten Tenorstimme setzt er auch sängerisch Maßstäbe in einem starken Ensemble mit zahlreichen Gästen, das insgesamt ein gutes „Ring“-Niveau verkörpert.

Einschränkungen sind bei Bjarni Thor Kristinsson zu machen, der dem Gott Wotan mit gaumiger und zugleich scharfer Bassstimme nur wenig Nuancierung verleiht. Zum Bersten expressiv und mit großen stimmlichen Reserven verkörpert Thomas Gazheli Aufstieg und Fall des Underdogs Alberich, während Arnold Bezuyen – stimmlich souverän – Mime als menschliche Karikatur zeichnet.

Sängerisch eindrucksvoll führt Ulrike Schneider die Leiden der – allerdings den Luxus liebenden – Göttergattin Fricka vor, ähnlich souverän agiert die gesamte Riege der göttlichen Upperclass. Rúni Brattaberg setzt starke Akzente als Riese Fafner, dem Marc-Olivier Oetterli als Fasolt kein ganz ebenbürtiger Bruder ist.

Dass Dietz die sängerisch wie darstellerisch toll agierenden Rheintöchter (Elizabeth Bailey, Marie-Luise-Dreßen, Marta Herman) auch nach der Eröffnungsszene weiter agieren lässt, zunächst als Sklavinnen Alberichs, überzeugt. So sind sie auch mahnend präsent beim Einzug der Götter in Wahlhall, das Bühnenbildnerin Ines Nadler als eindrucksvolle Riesenfassade mit leuchtendem W gestaltet hat.

Francesco Angelico lässt in seinem zügigen Dirigat nichts an Expressivität aus, setzt dabei aber stets auf Transparenz (leider mit Bläser-Übergewicht für Zuhörer rechts der Mitte) und Sänger-Verständlichkeit.

Die Zustimmung im ausverkauften Opernhaus überwog bei weitem – trotz einiger Buhs für Regie und einzelne Sänger.

Wieder am 7. und 15.9., Karten: Tel. 0561 / 1094-222.

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