Joe Sacco zeigt die Schlacht an der Somme im Ersten Weltkrieg als ungewöhnliche Graphic Novel

Riesiges Panorama eines Gemetzels

Extrem detailreich: Joe Sacco verzichtet bei seinen Bildtafeln aber ganz auf Sprechblasen. Foto: nh

Die Schlacht an der Somme zählt zu den verlustreichsten des Ersten Weltkriegs. Am ersten Tag, dem 1. Juli 1916, verloren allein von den 120 000 britischen Soldaten, die die deutschen Stellungen angriffen, 19 000 ihr Leben.

Joe Sacco, der mit seinen Reportagen „Palästina“ und „Bosnien“ zu den Wegbereitern des Comic-Journalismus zählt, erinnert an dieses Ereignis auf einzigartige Weise: Er verdichtet den Auftakt chronologisch auf 24 Tafeln, die ein durchgängiges, sieben Meter langes, aber nur 21 Zentimeter breites Panoramafaltbild ergeben.

Sacco zeigt die logistischen Vorbereitungen, das weitverzweigte Grabensystem, die ersten Angriffe mit gigantischen unterirdischen Minen. Es folgen Flächenbombardements der deutschen Stellungen, das Massensterben im Sperrfeuer, und es endet mit dem Eintreffen und der Behandlung der Verletzten auf der Sanitätsstation und den Begräbnissen der gefallenen Briten. Im Beiheft schildert der Historiker Adam Hochschild den genauen Ablauf, wobei Legenden das Geschehen auf den Tafeln erläutern. Sacco knüpft an die im 11. Jahrhundert entstandene 58 Meter lange Tapisserie von Bayeux an, wo die Eroberung Englands durch die Normannen geschildert wird, ein Bildwerk, das als frühes Zeugnis grafischen Erzählens gilt.

Die emotionale Tiefe von Jacques Tardis Graphic Novel „Elender Krieg 1914-1919“ (auf die Sacco ausdrücklich hinweist) erreicht er sicherlich nicht. Darauf kommt es ihm allerdings auch gar nicht an. Indem er bei seinen präzisen, extrem detailreichen Zeichnungen auf comictypische Merkmale wie Soundwords, Bewegungslinien oder Sprechblasen verzichtet, unterstreicht er den Anspruch auf korrekte dokumentarische Seriosität.

Sicher ist, dass er mit seinem Leporello eine Form gefunden hat, die es zu einer der herausragenden Publikationen in der Menge der vielen Bücher zum Ersten Weltkrieg macht.

Joe Sacco: Der Erste Weltkrieg. Die Schlacht an der Somme. Edition Moderne 2014, 35 Euro, Wertung: !!!!:

Von Andreas Gebhardt

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