AG der Reformschule: Klabunds „Kreidekreis“

Ringen um ein Kind

Kassel. „Du hast dich hergegeben, die verfluchte Sippe der Ma fortzupflanzen?“, schreit Tschang Lin seine Schwester Tschang Haitang an. Ausgerechnet dem Mann hat sie Nachwuchs geschenkt, der ihren Vater wegen Steuerschulden in den Tod trieb.

Nach dessen Selbstmord wurde die 16-Jährige von der Mutter an ein Bordell verkauft und vom Mandarin Ma ersteigert. Seine Liebe ändert den einst Kaltherzigen. Das provoziert auch die Eifersucht seiner ersten Frau. Sie vergiftet ihren Gatten, schiebt die Tat dem Mädchen in die Schuhe und behauptet: „Es ist mein Kind.“ Ein Gericht soll entscheiden.

Ein berühmtes Beispiel in Sachen Menschlichkeit und Mutterliebe hat sich die Theater-AG der Reformschule mit dem „Kreidekreis“ von Klabund (1890-1928, eigentlich Alfred Henschke) ausgesucht. Premiere war am Freitag vor 100 Besuchern im Dock 4. Das Thema des im 13. Jahrhundert lebenden Autors Li Hsing-Tao ist schon in der Bibel zu finden. Klabund griff es auf, später auch Bertolt Brecht.

Zwei Frauen, ein Kind? Wer ist die wahre Mutter? Das Kind wird in einen Kreidekreis gestellt - „die wahre Mutter wird die Kraft haben, es an sich zu ziehen“. Es ist eine stille, unaufdringliche Inszenierung, die die 23 Reformschüler (Leitung: Tina Pflügler/Peter Will) auf die Bühne brachten: Charakterzeichnungen stehen im Mittelpunkt, auf Effekthascherei wird verzichtet. Statt asiatischem Kostümzwang herrscht modernes Outfit. Jeder trägt, was zu seiner Figur passt. Der reiche Ma Anzug, Haitangs revoltierender Bruder Lederjacke. Sie selbst ist in unschuldiges Weiß gewandet. Ihre leidvolle Lebensgeschichte und die fehlende Menschlichkeit einer korrupten Gesellschaft wurden fühlbar. Lang anhaltender Applaus.

Gleich fünf Schülerinnen teilten sich mit viel Hingabe die Hauptrolle (Annika Siebling, Lena Lowitzki, Jacqeline Scheele, Jana Motzka, Karoline Lapp), drei die der Ehefrau: Clara Domes, Fenja Knecht, Susanne Kauppert.

Von Steve Kuberczyk-Stein

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