Riskanter Flirt: "Endstation Sehnsucht"

Annäherung: Caroline Dietrich als Blanche und Artur Spannagel als Stanley. Foto: Klinger

Kassel. Markus Dietz hat Tennessee Williams' modernen Klassiker am Kasseler Staatstheater inszeniert.

Fast am Ende steht Blanche DuBois in ihrem pompösen Paillettenkleid oben auf dem Schrankkoffer und singt mit, wenn aus der Jukebox Giacomo Puccinis Liebesduett „O Soave Fanciulla“ ertönt. Pathetisch gestikulierend ahmt sie die Opernmusik nach. Diese Frau ist entrückt und driftet musik-beschleunigt in die glücklicheren Sphären der Geistesverwirrtheit ab. In eine Welt aus Komplimenten und gepflegter Konversation hatte sich die gefallene Oberschichtslady im wirklichen Leben stets hineingeträumt.

Schauspielerin Caroline Dietrich ergänzt dieses traurige Pathos, dieses melancholische Wahnsinnigwerden ihrer Figur immer wieder mit todkomischen und boulevardesken Brechungen - als wäre sie betrunken in einer Karaokebar oder als spiele Blanche ihrerseits eine kläglich-schlechte Diva. Das sind die großartigsten Momente in Markus Dietz’ Inszenierung von Tennessee Williams’ „Endstation Sehnsucht“.

Die Premiere im ausverkauften Kasseler Staatstheater wurde lang beklatscht. Insgesamt konnte die Aufführung am Freitag nicht ganz verbergen, dass krankheitsbedingt eine größere Zahl von Endproben ausfallen musste - hier wird sich bestimmt noch einiges zuspitzen und verdichten.

Das Leben wird auf Mayke Heggers Bühne von Stahlblechwänden begrenzt, als lebe man im Inneren eines Containers. Hier gibt Industrie den Ton an, nicht mehr der Müßiggang der reichen Oberschicht à la DuBois. Die hitzige Südstaaten-Atmosphäre in New Orleans verbildlicht der Sand auf dem Boden. Damit kann man gut den Schweiß von der Haut wischen. Der Sand macht die Existenz körperlicher. Und die Klappliege als Schlafstätte lässt sich im engen Wohnprovisorium schnell verstauen.

Blanche ist in der Welt der hier lebenden Jogginghosenträger wie ein Alien, wenn sie im cremefarbenen Kostüm erscheint (Kostüme: Henrike Bromber). Abgebrannt und verstoßen will sie bei Schwester (Alina Rank) und Schwager (Arthur Spannagel) einziehen.

Kann sie mit Stella zunächst noch mädchenhaft kichern und an die alte Vertrautheit anknüpfen, so hat sie mit dem polnischen Migranten Stanley ein magnetisches Verhältnis: Es gibt nur extreme Abstoßung und extreme Anziehung. Meist beides gleichzeitig.

Blanche flirtet Stan an bis zur Ungehörigkeit, verachtet Minuten später seine Prolligkeit. Arthur Spannagel gibt diesem verletzbaren Macho einen jungenhaften Charme und viel Charisma. Ein Gänsehautmoment ist, wenn er nach einem betrunkenen Prügelexzess auf der Matratze kauert und nach Stella schreit. Die ist bei Alina Rank eine pragmatische Frau, die in großer Klarheit um ihre Gefühle und sexuellen Bedürfnisse weiß.

Das Quartett der Hauptdarsteller vervollständigt Thomas Sprekelsen als Blanches Galan Mitch. Wie Sprekelsen bei dem unglücklichen Rendezvous subtil anklingen lässt, dass Mitch in Bezug auf Frauen ebenso über-ehrgeizig wie stets zu kurz gekommen ist, bewegt. In weiteren Rollen sind Michaela Klamminger, Aljoscha Langel, Matthias Fuchs, Thomas Bockelmann, Wiebke Färber und Güney Korkmaz zu erleben.

Wieder am 17., 26.12., Karten: 0561-1094-222.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.