Das Kasseler Organtheater mit neuem Kabarettprogramm „Begnadigte Körper“

Ritter beim Chiropraktiker

Bitterböse: Ute Wienkamp (links) und Dagmar Witzel im Theaterstübchen. Foto: Schachtschneider

KASSEL. „Die Alte muss weg“, mosert der Schwiegersohn, die Tochter weint um ihre Mutter und der Herr vom Verein „Die Alten behalten“ verkauft jovial sein Lösungsangebot: Statt Babyklappe, diesmal Seniorenklappe, die anonyme Abgabestelle für die Alten auf dem Spielplatz im Park. Damit es die Nachbarn nicht sehen.

Das Kasseler Organtheater zeigte am Mittwochabend im Theaterstübchen sein kabarettistisches Programm, bei dem einem zuweilen das Lachen gefror - so konsequent zu Ende gedacht wurden hier soziale und gesellschaftliche Missstände, die Sucht nach dem optimierten Körper, der Wettlauf um Schönheit und immerwährendes Jungsein. Der Körper noch einmal begnadigt.

Uwe Jakubczyk, Ute Wienkamp, Jens Haupt und Dagmar Witzel sind die vier vom Organtheater, die zusammen mit dem Musiker und Sänger Welf Kerner die Auswüchse einer Körperkultgesellschaft aufspießten. „Begnadigte Körper“, so der Titel ihres Programms, offerierte im ausverkauften Theaterstübchen Comedy-Geschichten und Slapstick zum Fürchten, Schaudern und Selbsterkennen: Die Gesundheits-App auf dem Smartphone, die alle Funktionen des Körpers aufzeichnet, vorbei die Zeiten des unschuldigen Lebens. Der geheilte Hypochonder mit dem Medikament „Garnixisdrin“, das Palaver der Gehirne um ein optimales Gedächtnis und die besten Synapsen.

Die vier vom Organtheater ließen keine Mode, keine Neuheit, keine aberwitzige Kuriosität aus. Nichts, was sie nicht intelligent und schonungslos auf die Schippe nahmen, so bei der Podiumsdiskussion über den „Burn-out“, eine gelungene Farce über bekannte TV-Ansichten - viel geredet und nichts gesagt. Die Theaterleute ließen Ritter in den Krieg ziehen und vorher zum Chiropraktiker gehen, ließen den Kasperl mit seiner Gretel über Schönheits-OPs und die böse Heidi Klum streiten.

Alles in allem ein anspruchsvolles Programm, das mit einer vielseitigen Dramaturgie und eigenwilligen Musikbegleitung - vom Chanson zur Comedy, vom Gassenhauer zur Schmonzette - von Kennern gemacht war. Stürmischer Applaus zum Schluss.

Weiterer Termin heute, 19.30 Uhr, Kulturscheune Fritzlar.

Von Juliane Sattler

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