Zwischen Nuttenschick und Musterpulli-Peinlichkeit

Ritter in der Geisterbahn: „Parzival" am DT in Göttingen

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Mit dem Schwert auf Sinnsuche: Vanessa Czapla als Parzival, dahinter die Ritter der Tafelrunde, gespielt von (von links) Benedikt Kauff, Bardo Böhlefeld, Gaby Dey, Gerd Zinck und Rebecca Klingenberg.

Göttingen. Eine moderne Bearbeitung des mittelalterlichen Versepos "Parzival" ist am Deutschen Theater in Göttingen zu sehen: Mit einem altmodischen Damenschlüpfer auf dem Kopf und einem zerschlissenen Kissenbezug als Wams zieht Naivling Parzival hinaus in die Welt, um Ritter zu werden.

Dank seiner Mutter Herzeloyde ist Parzival (Vanessa Czapla) überzeugt, dass es sich hierbei um eine seriöse Garderobe handelt. Herzeloyde (Gaby Dey) hatte den Jungen von allem lebenspraktischen Wissen ferngehalten, um ihn zu schützen.

Da draußen, im Kontakt mit anderen, ist Parzival aber nun ein tumber Tor, der seinen Namen nicht kennt und sich als „Meinliebling“ vorstellt, weil ihn seine Mutter so genannt hat. Er hat keinen Schimmer, wie man sich zu verhalten hat, und fällt schon beim kleinen Einmaleins der Gesellschaftskonvention aus der Rolle.

Brit Bartkowiak inszeniert am Deutschen Theater in Göttingen Lukas Bärfuss’ moderne Bearbeitung des mittelalterlichen Versepos „Parzival“ von Wolfram von Eschenbach als Geisterbahnfahrt: Die Figuren, denen Parzival auf seiner Selbstfindungsreise begegnet, wirken wie Zombies. Die ausverkaufte Premiere wurde am Samstag lang beklatscht.

Eine Braut (Elisabeth Hoppe), die die Leiche ihres Geliebten bis zur Verwesung herumschleppt. König Artus (Dey) und die Tafelrunde, die in debiler Luftschlangenseligkeit die Ritterlichkeit zum Kindergeburtstag verlächerlicht haben, der Ritter Ither (Bardo Böhlefeld), der mit wallender Mähne herumzuckt wie ein Altrocker auf Droge, der sieche Gralshüter Anfortas (Gerd Zinck), der im Pyjama auf Knien rutscht.

Von Station zu Station kämpft, küsst und tötet Parzival sich tiefer in das Gruselkabinett hinein, zu dem die Gesellschaft wird. Dass in diesem schrägen Rahmen die großen philosophischen Fragen verhandelt werden, erzeugt eine sehenswerte Fallhöhe. Es ist in seinem ironisierten Anspielungskosmos aber nicht unbedingt ein Abend, der sich für Theateranfänger eignet.

Was ist der Mensch? Ist da ein innerer Wesenskern, der durch die Begegnung mit einem Gegenüber freigelegt wird? Entsteht daraus jenes Mitgefühl, das auch hier zur rettenden Kraft wird? Oder ist er ein leeres Gefäß, muss ihm das Regelwerk der Altvorderen eingebimst werden, damit überhaupt ein geordnetes Miteinander möglich ist?

Nikolaus Frinke setzt auf der kargen Bühne nur ein metallischgrün glänzendes Militärtarnnetz als Requisit ein, das von der Decke schwebend unterschiedliche Räume gestaltet. Carolin Schogs hat die angetrashten Kostüme zwischen Nuttenschick und Musterpulli-Peinlichkeit gestaltet. In den zahlreichen Rollen spielen außerdem Benedikt Kauff, Rebecca Klingenberg und Frederik Schmid.

Aber vor allem ist es der Abend von Vanessa Czapla, die wie von innen leuchtend und mit enormer Bühnenpräsenz diesem oft nervigen Blödmann Parzival liebenswerte Gestalt gibt. Seinem Weg vom dauerfragenden Kind („Warum?“) über den ungerührt quälenden und mordenden Quasi-Autisten bis hin zum Mitfühlenden folgt man gern.

Womöglich brauchte er am Ende gar nicht die Lebenstipps des weisen Daunenmantelträgers Trevrizent (Zinck): Die Gedanken leeren, frei sein von Begierde, bereit sein zu sterben - und wissen, wie man mit einem Zweig den Dreck unter den Nägeln entfernt.

Wieder am 28.1., 2., 3.2., Karten: 0551-496911.

Von Bettina Fraschke

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