Pablo Picassos Malerbücher: Im Bad Arolser Schloss ist die Vielfalt seiner Druckgrafik zu sehen

Ritzen, ätzen, stechen, schaben

Eine von 31 Radierungen zu Buffons „Histoire naturelle“.

Bad Arolsen. Das Faszinierende an der Picasso-Ausstellung im Bad Arolser Schloss ist, wie an einem schmalen Ausschnitt aus dem umfangreichen Werk des Jahrhundertkünstlers dessen Entwicklung und thematisches Interesse doch umfassend abzulesen sind.

Zu sehen sind 130 Blätter und Bögen, die aus dem Malerbuchkabinett der Herzog-August-Bibliothek in Wolfenbüttel stammen. Dort werden 39 seiner 156 im Werkverzeichnis aufgelisteten Malerbücher aufbewahrt. „Picasso - Malerbücher“ konzentriert sich also auf sein buchillustratives Schaffen. Doch verlässt man die ansprechend gestalteten Räume im Gefühl, den ganzen Picasso gesehen zu haben.

Das liegt daran, dass die Auswahl fast vier Jahrzehnte umfasst - von den frühen 30er-Jahren („Metamorphosen“ von Ovid und Aristophanes’ „Lysistrata“-Komödie) bis zum Ende der 60er (Grafiken zu einer Posse des belgischen Autors Fernand Crommelynck). Außerdem betrachtet man den vertrauten Picasso-Kosmos: Mythen der Antike, Stierkampf, kubistisch zerlegte Porträts, erotisch grundierte Motive und immer wieder weibliche Akte.

Nicht zuletzt erscheint Pablo Picasso als Künstler, der die Grenzen des Mediums Grafik ausreizte wie irgend möglich, um seine Ausdrucksformen immer weiter auszuloten. „Picasso radierte, ritzte, stach, schnitt, ätzte, zeichnete, schabte“, heißt es im Einleitungstext. Die schöne Schau bietet Gelegenheit, unterschiedliche Techniken grafischer Gestaltung kennenzulernen. Picasso war fasziniert von allen Verfahren, Gezeichnetes, ob mit Kreide, Tusche, Feder oder Pinsel, zu drucken und zu variieren. Dabei illustrierte Picasso Texte nicht einfach, sondern setzte ihnen etwas Eigenständiges entgegen. Der Künstler, der selbst dichtete, hat immer intensiv mit Literatur und Literaten gelebt, Poesie und bildende Kunst waren für ihn untrennbar.

„Es ist eine sehr ernste und mysteriöse Sache“, wird er in der Schau zitiert, „dass ein einfacher Strich ein lebendiges Wesen darzustellen vermag.“ Wunderbar gelang ihm das in der Bebilderung des Buchs „La Tauromaquia“ des Stierkämpfers José Delgado von 1796, das vor ihm schon Goya illustriert hatte. Der Fotograf David Douglas Duncan, der Picasso zu einer Corrida in Arles begleitet hatte, erlebte, wie zügig und spontan dieser drei Tage später arbeitete, indem er eine Mischung aus gesättigter Zuckerlösung und Tusche auf eine Kupferplatte auftrug.

Ein einfacher Strich - wie gut der Picasso glückte, wird auch anhand von zwölf Porträts Honoré de Balzacs deutlich. Die Illustration von Balzacs Künstlererzählung „Das unbekannte Meisterwerk“ mit Radierungen und Holzschnitten über einen Maler, der Jahre an einem Frauenbildnis arbeitet, das er wie eine Geliebte bewacht und nie zeigt, zählt zu seinen wichtigsten Buchprojekten.

Hier verkehren sich für den Kunsthistoriker Carsten-Peter Warncke endgültig die Verhältnisse: „Nicht der Maler veranschaulicht den Dichter; Balzacs Text illustriert Picassos Bilder.“

Bis 3. Juli, Mi bis Sa, 14.30 bis 17, So 11 bis 17 Uhr, Führungen So 11.15 Uhr und n.V., Tel. 05691/625734, www.museum-bad-arolsen.de

Von Mark-Christian von Busse

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