In Bar Hot Legs

Ein Roboter auf der Flucht: Autor Ulrich Holbein las in Kassel

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Las in der Kasseler Bar Hot Legs: Der Knüllwalder Autor Ulrich Holbein.

Kassel. Zum Auftakt der neuen Veranstaltungsreihe „Tresenlese“ lud das Literaturhaus Nordhessen am Donnerstag zu einem Event mit dem Schriftsteller Ulrich Holbein in die Szenebar Hot Legs in der Friedrich-Ebert-Straße ein.

Die Idee, ungewöhnliche Orte für Literaturveranstaltungen zu rekrutieren, ist zwar nicht neu, erfreut sich aber als attraktiver Gegenentwurf zu etablierten Spielflächen bei einem kunstinteressierten Publikum mit Entdecker-Mentalität großer Beliebtheit. So versuchte auch an diesem Abend ein illusteres Auditorium dicht gedrängt vor der kleinen Bühne in dem knallbunten Kneipenbauch die Gefühlswelt eines Autors zu erfassen, dem der Ruf als Outsider der Szene anhaftet.

Es scheint, als habe sich Holbein seinen eigenen literarischen Raum erschaffen, in dem er die Funktionalität des Zusammenlebens als Resultat seiner Suche nach sich selbst, neu definiert. In seinem Buch „Knallmasse“ (Verlag homunculus, 230 S., 22,90 Euro) flieht ein Roboter durch einen Reißverschluss am Himmel aus dem autokratischen Staat DeziBel in ein buntes Universum voller fantasievoll gestalteter Wesen und Situationen. Die Kriterien der Selbstverständlichkeit, mit der wir unser Leben leben, erscheinen bei dem Autor nur fragmentarisch, als Puzzleteile in seiner Fantasiewelt, die geprägt ist von einem fundierten literarischen Wissen und Kunstverständnis.

Eine Diashow mit Fotomontagen zeigte Holbein als evolutionären Partikel der Weltgeschichte. Humorvolle Projektionen, aber auch beißender Sarkasmus und emotionale Sterilität prägten diese Selbstanalyse. Seine Wortbeiträge offenbarten eine Art Selbstschutz durch intellektuelle Distanz. Alles ist ihm zu laut, zu schrill, zu dumm. Wie einst J.D. Salinger, der sich nach seinem Erfolgsroman „Der Fänger im Roggen“ nur noch angewidert von der Realität hinter hohen Mauern versteckte, lebt auch Holbein zurückgezogen in einem kleinen Ort im Knüllwald.

Dass er bei einem documenta-Besuch, den er angeekelt vom Kunstbetrieb nur lustlos absolvierte, einer hübschen jungen Dame verfiel, war eine der wenigen Geschichten, die Holbein als irdischen Wandler mit allgemein verbindenden biologischen Reaktionen auswies. Es gab viel Applaus für einen Individualisten, der sein Ich auslebt und Scheitern, Angst und Frustration offen formuliert.

Von Andreas Köthe

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