Uraufführung am Tif

Roboter treffen Nonne: Neues Stück im Kasseler Staatstheater wirkt zusammenhangslos

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Schauerromantik: Marius Bistritzky (Modell MB91, von links), Alexandra Lukas (Modell AL91) und Eva-Maria Keller (Modell EMK48).

Kassel. Wilke Weermann entwickelte für das Kasseler Staatstheater ein Stück zur Frage, was den Menschen ausmacht: "Odem".

Was ist der Mensch? Was unterscheidet ihn von einer denkenden Maschine, vom Androiden, vom Golem, von Frankensteins Monster? Was ist Leben, was Tod, was sind Gefühle? Können Maschinen welche haben? Was ist Erkenntnis? 

Können wir sicher sein, dass unser Gegenüber ein Mensch ist und nicht vielleicht nur ein Schauspieler, der Gefühle nur simuliert, also etwa auf Knopfdruck zu weinen vermag? 

Premiere war am Freitag

All diese Fragen und noch einige mehr stellt „Odem“, Untertitel: „Schauspiel für drei Androiden und eine Nonne“. Die Premiere war am Freitag im Kasseler Tif. Klingt interessant, lustig gar und macht neugierig. Man darf solch große Fragen aufwerfen, auch wenn man sie nicht beantwortet, um bewusst Verwirrung zu stiften. 

Letzteres gelingt hier gründlich. „Odem“ ist im Wesentlichen eine lose Fläche aus Textzitaten, auch der Weltliteratur. Und genau darin liegt leider das Problem. Ohne deren Nennung und Einordnung bleibt das Ganze unergründlich und zusammenhanglos. 

Bühnenbild wie eine gotische Ruine

Am Ende ist man genauso klug wie zuvor. Immerhin nimmt man einige interessante visuelle Eindrücke mit nach Hause. Und es wird wirklich sehr schön gesungen, wie auch die drei Hauptdarsteller klasse sind.

„Odem“ stammt von Wilke Weermann, der es auch inszeniert hat. Es ist eine Uraufführung auf der dunklen Bühne, die an einen schaurerromantischen Kirchhof erinnert mit allem Drum und Dran, also Grabsteinen und Baumskeletten und einer gotischen Ruine. 

Beleuchtung wirkt dramatisch

Dicker Nebel wabert unablässig, mal mehr, mal weniger, wie sich das auf Friedhöfen gehört. Die Beleuchtung ist raffiniert, dramatisch und effektvoll. Die Kulisse ist in rote Plastikfolie eingeschlagen – wer denkt da nicht an Fleisch, Blut und rote Plastikfolie? Caspar David Friedrich lässt jedenfalls grüßen (Bühne und Kostüme: Josa Marx).

Drei Androiden, also künstliche Menschenwesen, stolpern gekleidet wie Menschen des frühen 19. Jahrhunderts schauspielernd durch die Kulisse: Eva-Maria Keller als Modell EMK48 (weibliches Design), Alexandra Lukas als Modell AL91 (auch weibliches Design) und Marius Bistritzky als Modell MB91 (männliches Design). 

Stimmgewalt und Sprech-Singsang

Mit ihren ruckartigen Bewegungen und dem monotonen Sprech-Singsang wirken sie wie echte Roboter, oder wie etwas, das wir für Roboter halten könnten, weil wir uns wie Menschen agierende Roboter genauso vorstellen. Wobei vor allem Alexandra Lukas eine geradezu betörende Anmut entwickelt. Stille Größe.

Und vielleicht weil zu einem romantischen Kirchhof immer auch eine Nonne gehört, gibt es eine Nonne, hier allerdings eine höchst stimmgewaltige singende Nonne. Lona Culmer-Schellbach singt fantastisch, um nicht zu sagen zum Weinen schön, etwa Lieder vom famosen Easy-Listening-Star Burt Bacharach, allerdings in Opern-Manier. 

Warum braucht ein Stück mit Androiden eine singende Nonne, die an Whoopi Goldberg in der Komödie „Sister Act“ erinnert? Wir wissen es nicht. Möglicherweise, um „Odem“ wenigstens etwas Abwechslung einzuhauchen, wo doch schon Dramatik und Spannung fehlen und Humor lediglich in kleinsten Dosen verabreicht wird. 

Das Publikum applaudiert vor allem den Darstellern überaus freundlich.

Von Andreas Gebhardt

Tif, Theater im Fridericianum, wieder am 17., 23.11.

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