Roibusch für alle: Rainald Grebe im Kulturzelt

Rasend komisch: Entertainer Rainald Grebe. Foto: Schachtschneider

Kabarettist und Musiker Rainald Grebe und seine Kapelle der Versöhnung lieferten im ausverkauften Kulturzelt einen irren Auftritt ab - er wurde stürmisch bejubelt.

Kassel. Nach dem zweiten Lied kriecht Rainald Grebe erschöpft auf dem Boden wie ein angeknockter Boxer. Er kann sich gar nicht aufrichten. Ist das nun Schauspielerei? Bei dem Kabarettisten und Musiker weiß man nie, woran man ist – alles ist getränkt mit dem „süßen Gift der Ironie“. Er habe zu rauchen aufgehört, weil er keine Luft mehr bekam, sagt Grebe. Jetzt sei er 20 Kilo schwerer und auch wieder außer Atem.

Mit Indianer-Kopfschmuck, Trainingshose und rosa Tutu erscheint der 44-Jährige auf der Bühne im ausverkauften Kulturzelt. Er reißt die Besucher sofort mit. Am Ende klatschen alle stürmisch und im Stehen.

Ein rasantes Volkslieder-Textzeilen-Medley, Schnappi und Helene Fischers „Atemlos“ inklusive, ist Auftakt für einen irrwitzigen Abend, rasend komisch, todtraurig, albern, voller Sprachwitz und ernster Zwischentöne („Herkunft ist keine Leistung“).

Grebe ist eine Rampensau sondergleichen. Er singt, spielt Gitarre, Keyboard, hält seine „Kapelle der Versöhnung“ auf Trab, in der besonders Elisabet Cada (Posaune) und Ulrike Arzet (Trompete) neben Marcus Baumgart (Gitarren), Serge Radke (Bass) und Martin Brauer (Drums) einen dramaturgisch wichtigen Part erfüllen, und er bringt das Publikum in Bewegung. Ab und an spielt Grebe historische Tondokumente ein, da äußert sich Rudi Dutschke zur großen Koalition, zur Totenehrung für Konrad Adenauer stehen alle auf, die Kapelle intoniert ein Halali auf Muffel, Elch und Hase.

Grebe vertont Nonsens-Gedichte, sammelt sinnleere Phrasen, hohle Klischee-Slogans, irrlichternde Werbesprüche, die sich tief im kollektiven Hinterkopf verklebt haben, und verwebt sie zu einem abstrusen Patchworkteppich. „Das war das 20. Jahrhundert“ ist ein Geschichtspanoptikum als Gruselkabinett von Winnie Schäfer bis zu Karl der Käfer. „Ich mach Art“ ein genialer Sampler arroganter Interview-Äußerungen von Stadttheater-Intendanten („ich könnte jeden Scheiß machen“).

Wenn er mit Militärmütze den „Diktator der Herzen“ gibt, der „Nudeln mit Blut“ liebt, oder die Hymne für den Gewinner-Typen „Ich bin oben“ singt, ist er richtig böse. „Das Leben fühlt sich fluffig an, wenn man für 100 Euro tanken kann.“

Grebe mixt Sirtaki-Klänge, Neue-Deutsche-Welle-Zitate, Kinderlieder-Parodien, Bach/Gounods „Ave Maria“ und „krkische Inselweisen“, er besingt das Handwerk, das goldenen Boden hat, und die Fähigkeit zum Multitasking („ich kann bekifft sein und dabei besoffen“), versetzt sich in den Präsidenten, der Fähren tauft, für Krötentunnel Schirmherr ist und über Hartz-IV-ler denkt: „Sie halten sich für überflüssig. Es geht mir da ganz ähnlich.“ Nebenbei wundert er sich über den „Kuhfuß“ des Mikrofonständers: „Ich hab ja schon viel erlebt, aber sowas noch nicht.“

Vor allem aber macht er sich tüchtig lustig auch über die Wohlfühlwelt der sich moralisch überlegen dünkenden linksalternative Szene, der er einen Zerrspiegel vorhält: über die Leidenschaft fürs Landleben mit einer Dorf-Bohème, die im Lehmofen backt, Dinkel-Bier braut und beim Vollmondbaden oder mit Hot Stones entspannt („Wir panieren heute einen Riesen-Bovist“, „Roibusch für alle“). „Bootssteg und Systemkritik ist kein Widerspruch“, singt Grebe: „Ich skype täglich mit meinem Gesinde.“ Im Wellness-Hotel hat Grebe das Gefühl: „70 Jahre Frieden sind zu viel.“ „Rentner mit Yoghurt im Gesicht - unter Adenauer gab es sowas nicht.“

Wo es melancholisch dunkel und im Zelt ganz still wird, in Liedern übers Aufwachsen im Reihenhaus mit selbstgetöpfertem Klingelschild und „Verstehen Sie Spaß?“ („Dass du alles hast, dass dir alles fehlt“) und über die Trostlosigkeit der Pubertät („Captain Krümel“ zur Melodie von Billy Joels „Captain Jack“) oder um die elterlichen Sorgen um den Sohn („das Schlaflied, bevor er in die Disco geht“), wo es also trübsinnig werden könnte, da wird auch das gleich ironisch gebrochen: „Ob Bagdad oder Babel, vergiss nie die Ladekabel.“ „Königin Schwermut“ begegnet man eben am besten mit Sarkasmus.

Am Ende gibt’s ein wildes Gehämmer auf dem Klavier, „The Kassel Concert“: Der Unterschied zwischen ihm und einem Jazzer sei, sagt Grebe, dass der Jazzer 1000 Akkorde für drei Leute spiele ... Es folgt ein Schlaflied für den Anwalt, der bei Kerzenlicht zu Hause sitzt und aufpasst, dass bloß nicht nach 22 Uhr noch konzertiert wird, und das Lied über die Eintagsfliege. Und dann ist ein einmaliger, ein großartiger Abend vorüber.

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