Neu im Kino: Im Dokumentarfilm „Herbstgold“ trainieren hochbetagte Leichtathleten für die Senioren-WM

Mit dem Rollator zum Wettkampf

Goldmedaille: Der Österreicher Alfred Proksch ist Weltmeister in seiner Altersklasse 100+ im Diskuswerfen. Konkurrenten hatte er nicht. Foto:  nh

Alfred Proksch humpelt auf seinen Rollator gestützt zum Wettkampffeld. Gut laufen kann er nicht, ein Krankenhausaufenthalt hat den 100-jährigen Wiener im Training zurückgeworfen. Und doch wird er den Diskus schleudern bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft im finnischen Lahti.

Immerhin hat er in seiner Altersklasse 100+ keine Konkurrenz. Da kommt man leicht aufs Treppchen. Und doch will er einen guten Wurf machen, beißt die Zähne zusammen. Jan Tenhaven porträtiert in seinem warmherzigen Dokumentarfilm „Herbstgold“ fünf hochbetagte Sportler aus Deutschland, Österreich, Schweden, Italien und Tschechien, die für die Senioren-WM trainieren. Er begleitet sie bei ihrem Sportprogramm, er zeigt sie zu Hause, lässt sie von ihren langen Leben erzählen.

Zum Beispiel die italienische Diskuswerferin Gabre Gabric, die ihr Alter nicht verrät. 94 ist sie, sagt später eine Wettkampfkollegin, und immer perfekt geschminkt, blendend aussehend, wenn sie die Gymnastikgruppe ihres Heimatortes unterrichtet oder auf dem Balkon Dehnübungen macht.

Aufwärmen am Abfalleimer

Der Tscheche Jiri Soukup ist Hochspringer und wärmt seine Beine auf dem Abfalleimer vor seinem Plattenbauhochhaus auf. Seine Wettkampfnahrung sind rohe Knoblauchzehen und in große Stücke gebrochene Hefewürfel. Fürs Vitamin B. Liebevoll und etwas resigniert massiert seine Frau den faltigen Körper, versucht Jiri von den ganz großen Flausen abzubringen. Doch der will den Weltrekord knacken: 1,09 Meter in seiner Altersklasse. Im Training ist er froh, den Körper überhaupt technisch korrekt auf die dicke Matte zu hieven.

Jan Tenhaven hat tolle Protagonisten und ein tolles Thema. Und doch sind manche Szenen mit triumphalem Musikhintergrund oder extremer Zeitlupe überinszeniert. Das stört, weil der Film an diesen Stellen wirkt, als vertraute der Regisseur seinem Stoff doch nicht ganz.

Aber er schafft, dass wir den Rückschluss vom fremden Leben auf unser eigenes ziehen. Wie diese Hochbetagten mit ihren Gebrechen umgehen, wie genau sie wissen, dass ihr Körper ihnen nie ganz gehorchen wird, wie sie Ehrgeiz und Nachsicht in einer guten Balance halten müssen, damit das Training klappt: Da können sich Jüngere, die vielleicht unbarmherziger in der Image-Konkurrenz drinstecken, einiges abschauen.

Genre: Dokumentarfilm

ohne Altersbeschränkung

Wertung: !!!!:

Regisseur Jan Tenhaven ist am Samstag zur Vorstellung um 16.45 Uhr im Kasseler Kino Filmladen, Goethestr. 31, zu Gast.

Von Bettina Fraschke

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