Rollende Träume: Der grandiose Skater-Film „This Ain’t California“

Paradies aus Beton: DDR-Skater unterm Fernsehturm. Foto: Farbfilm

Das Leben des jungen Ostdeutschen Nico änderte sich, als er Anfang der 80er in der tschechischen TV-Kinderserie „Luzie, der Schrecken der Straße“ zum ersten Mal einen Menschen sah, der auf einem rollenden Brett fuhr. Das, so erzählt es die grandiose Doku „This Ain’t California“, war die Geburtsstunde des Skatens in der DDR.

Man denkt, der Trendsport, der an der US-Westküste erfunden wurde, passte so gut zum real existierenden Sozialismus wie Hollywood in die Plattenbauten von Berlin-Marzahn. Dabei kamen Kinder in Ost und West ganz allein zum Skaten, wie Nico sagt: „Genug Beton gab’s ja bei uns.“

Mit seinem ersten Kinostreifen hat Regisseur Marten Persiel den lässigsten Film des Jahres gedreht. Zwei Jahre lang führte er Interviews mit Ost-Skatern, die in den 80ern etwa auf dem Berliner Alexanderplatz zum Staunen der arbeitenden Bevölkerung auf Brettern Tricks ausprobierten und im Handstand um den Fernsehturm fuhren. Was sie machten, erzählt einer, war „sinnlos, aber spannend“ und eine „Projektionsfläche für die Träume“ der normalen Bevölkerung.

„This Ain’t California“ besteht aus alten und schnell geschnittenen Super-8-Aufnahmen, Comic-Animationen im Stil von „Waltz with Bashir“, einem tollen Soundtrack mit Musik von Alphaville, Anne Clark und den Ärzten sowie Interviews. Persiel lässt die Protagonisten von einst die Biografie von Denis nacherzählen, der eigentlich Olympia-Schwimmer hätte werden sollen, dann aber zum coolsten Skater der DDR wurde, gegen alle Autoritäten rebellierte, nach der Wende zur Bundeswehr ging und 2011 in Afghanistan starb.

So ist der Film nicht nur ein faszinierendes Porträt einer Jugendkultur, sondern auch eine melancholische Geschichte über Freiheit, Freundschaft und den Tod. Und dabei ist er auch unglaublich komisch. Ein ehemaliger Stasi-Beamter erzählt, wie die DDR aus dem „unorganisierten Rollsport“ Medaillengewinner von morgen rekrutieren wollte. Denis wurde Übungsleiter, ließ die Talente Hochsprung auf rollenden Brettern machen, fackelte dann aber das Heim der Betriebssportgemeinschaft ab. Auch deswegen nannten ihn alle nur Panik.

Bei der Berlinale gewann „This Ain’t California“ den Preis „Dialogue en Perspective“ und ließ die Kritiker jubeln. Später gab es einen kleinen Skandal, weil Persiel zugeben musste, dass er einige Super-8-Aufnahmen mit Schauspielern hatte nachdrehen lassen, was bei einer Doku heikel ist. Der Verleih spricht nun von einer „modern erzählten Collage“.

Vielleicht kann man auch hier von den Skatern lernen, die nicht nur die Regeln der Schwerkraft durchbrechen: Es geht einfach darum, sein Ding zu machen. Dieser Film kann dein Leben verändern.

Genre: Doku

Altersfreigabe: ab 12

Wertung: fünf von fünf Sternen

Von Matthias Lohr

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