Die Pianisten Lars Vogt und Martin Stadtfeld haben zwei spannende Alben eingespielt

Romantik neu entdeckt

Unbändige Leidenschaft: Lars Vogt. Foto: nh

Je weiter die Epoche der Romantik zurückliegt, desto weniger    selbstverständ-    lich wird diese Musik für die Interpreten und die Hörer. Die Vorstellung, romantische Musik habe man einfach im Gefühl, sie sei etwas quasi Natürliches, war vielleicht schon immer falsch.

Sicher ist aber, dass Pianisten, zu deren Hörerfahrung zeitgenössische Musik, Rock und Pop gehören, Musik von Schumann, Brahms und Liszt anders spielen als die Generationen davor.

Wie unterschiedlich der Zugang zur Romantik ausfallen kann, zeigen aktuell zwei Alben der deutschen Pianisten Lars Vogt und Martin Stadtfeld.

Als Mann der extremen Kontraste erweist sich Lars Vogt, der zwei Gipfelwerke der romantischen Klavierliteratur eingespielt hat, Robert Schumanns Fantasie C-Dur op. 17 und Franz Liszts große Klaviersonate in h-Moll. Beide Werke, dazu noch die Klaviersonate op. 1 von Alban Berg, hat Vogt auch im Frühjahr beim Musikfest in Kassel gespielt. Er führt auf der Platte also nichts vor, was er nicht auch live bewältigen würde.

Und das ist eindrucksvoll genug. Wohl kaum ein Pianist geht die gut halbstündige Liszt-Sonate mit einer ähnlichen Klanggewalt an. Fast berserkerhaft türmt Vogt die Akkorde, stürzt sich auf die pianistischen Höchstschwierigkeiten, die durch keinen Pedaleinsatz vernebelt werden. Vielleicht ist Vogt der ehrlichste Liszt-Spieler unserer Zeit. Auch über die lyrischen Passagen im zweiten Teil und nach dem Fugato deckt Vogt niemals einen Schleier, sondern bleibt immer konkret. Allerdings mit welcher Zartheit und mit welchem langem Atem!

Vielleicht noch ungewöhnlicher als bei der Liszt-Sonate ist dieser kompromisslose Zugriff bei der Schumann-Fantasie. Deren Leidenschaftlichkeit rückt Vogt vom Schwärmerischen ins Schmerzliche. Die Dauer-Intensität seines Spiels, die Unerbittlichkeit, mit der Vogt die Zuhörer im Schlussteil durch die harmonische Labyrinthe des Stücks führt, ist für den Hörer anstrengend wie eine Bergtour, wird aber mit den herrlichsten Ausblicken belohnt.

Vermutlich hasst Martin Stadtfeld schweißtreibendes Klavierspiel. Sein Album „Deutsche Romantik“ eröffnet er mit einer lyrischen Gelegenheitskomposition von Richard Wagner, dem „Albumblatt für Frau Betty Schott“. Schumanns „Waldszenen“ und drei Brahms-Intermezzi führen ins Zentrum der Romantik. Und mit Franz Liszts Variationen über „Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen“ sowie den Liszt-Bearbeitungen von Wagners „Tannhäuser“-Ouvertüre und „Isoldens Verklärung“ stellt sich Stadtfeld auch echten pianistischen Herausforderungen.

Doch erst einmal lockt Stadtfeld mit kühler pianistischer Eleganz und klanglicher Delikatesse. Den „Eintritt“ in Schumanns Waldszenen spielt er aber fast provozierend geradeaus mit gleichförmigen Nachschlägen. Doch dann überrascht er ein ums andere Mal mit interessanten Wendungen. Gelegentlich täuscht er Harmlosigkeit vor. Doch bei den Liszt-Variationen gerät man ins Staunen, über welche pianistischen Reserven Stadtfeld verfügt. Und bei „Isoldens Verklärung“ schlägt seine vermeintliche Coolness ins Ekstatische um. Was Stadtfeld hier vorführt, ist Romantik 2.0.

Lars Vogt: Liszt-Sonate und Schumann-Fantasie, Berlin Classics, Wertung: !!!!!

Martin Stadtfeld: Deutsche Romantik, Sony Classics, Wertung: !!!!:

Von Werner Fritsch

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