Romina-Abate-Schau: Perfekte Welle im Palmenhain

Ein Spiel mit Begriffen, Bildern und Bedeutungen: Die Ausstellung von Romina Abate (im Bild) in Willingshausen setzt unterschiedliche Fundstücke miteinander in Beziehung und schafft vielfältige Assoziationsmöglichkeiten. Fotos: von Busse

Willingshausen. Wer die Abschlussausstellung von Romina Abate besucht, der 39. Stipendiatin im Schwälmer Malerdorf Willingshausen (Schwalm-Eder-Kreis), muss zuerst über Zäune steigen.

Eine Art Jägerzaun, wie er in ordentlichen Vorgärten das Terrain absteckt. Hier, in der Kunsthalle im Gerhardt-von-Reutern-Haus, beginnt eine weniger geordnete, weniger klar fassbare Welt. Man muss genau hinsehen, um Entdeckungen zu machen, Bilder und Bezüge zu entschlüsseln. Bernhard Balkenhol, Dozent an der Kasseler Kunsthochschule und Kurator des Willingshäuser Stipendiums, nennt den Raum ein „Labor“, ein „Ensemble künstlerischer Versuchsanordnungen“, die „Momentaufnahme eines Wahrnehmungs- und Denkprozesses“.

Abate, 1982 in Friedrichshafen geboren, zuletzt Meisterschülerin bei Florian Slotawa in Kassel, hat „zusammengewürfelt“, wie sie sagt, zum Ausgangspunkt genommen, was sie im „Hirtenhäuschen“ und im Atelier vorgefunden hat, wo sie noch bis Weihnachten lebt und arbeitet. Das Foto einer Birken-Allee in einem Buch der Tochter des Willingshäuser Malers Wilhelm Thielmann, ein Nashorn aus Ton, eine Staffelei für Malkurse im Reutern-Haus. Ein Fußbodenbelag, der nun quer im Raum Wellen schlägt. Schindeln, mit denen Fachwerk verkleidet wird. Mit diesen Materialien spielt sie, souverän nutzt sie als Zeichnerin oder mit Foto- und Videokamera unterschiedliche Medien.

„Das Meer hat viele Ufer“, heißt die Ausstellung. Heißt auch: Ihre Installation ermöglicht viele Deutungen. Vom Wald in die Südsee ist es da nicht weit, Birken werden zum Palmenhain. Das Vertraute wird auf einmal exotisch und umgekehrt. So wie Kinder ihre Fantasie spielen lassen, sagt Abate, „wenn aus einem Besen plötzlich ein Zauberstab wird“.

Sie beschäftigt sich mit solchen Ambivalenzen, Perspektivwechseln: Welche Bilder machen wir uns von der Welt? Wie erhalten die Dinge und Begriffe Zuschreibungen? Wie entfalten sie Wirkungen in unterschiedlichen Kontexten? Zum Beispiel je nachdem, ob man Dinge von außen sieht oder selbst involviert ist?

Zu den stärksten Arbeiten zählt ein Video, in dem Abate versucht, unterlegt vom Auftakt der Oper „Der Freischütz“, ein Reh aus Ton zu bewegen - ein anrührendes Bild des Scheiterns. Auch Sinnbild für den Künstler, der vergeblich danach strebt, seine Skulptur zum Leben zu erwecken.

Der hervorragende Besuch der Vernissage war auch ein deutliches Plädoyer für den Fortbestand der Kunsthalle. Den Vertrag der Leiterin Kati Werkmeister wird die finanziell klamme Gemeinde nicht verlängern, die Kunsthistorikerin, die sichtbar Impulse gegeben und Akzente gesetzt hat, scheidet zum Jahresende aus. Immerhin setzen die Sparkassen mit ihrem Kulturengagement, Kommune und Kreis das Stipendium einstweilen fort. Stipendiatinnen 2015 sind Maren Graf und Susanne Wagner.

Bis 23.12., Merzhäuserstr. 1, Di-So 14-17, Sa/So auch 10-12 Uhr und n. V., 06697/1418. www.malerkolonie.de

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