Nadja Loschky inszeniert Charles Gounods „Faust“-Oper am Kasseler Staatstheater als Zauberstück

Premiere: Gounods "Faust" am Kasseler Staatstheater

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„Mir graut vor dir“: Krzysztof Borysiewicz (Méphistophélès, links), Nicole Chevalier (Marguérite) und Johannes An (Faust).

Kassel. Irgendwie süß, diese roten Teufelchen. Sie sind - nur fürs Publikum sichtbar, nicht für die Figuren im Stück - immer bereit zu einem Schabernack. Sie stehlen Marguérite den Wäschekorb, ziehen ihr aber auch unbemerkt den Reißverschluss zum roten Glitzerkleid zu.

In Nadja Loschkys Kasseler Inszenierung von Gounods großer Oper „Faust“ ersetzt dieses Traumkleid die Juwelen, die das fromme, aber nicht uneitle Mädchen für Faust einnehmen sollen.

Die Hilfsteufel sind Heinzelmännchen aus der Hölle, die Marguérites Bruder Valentin im Duell mit Faust später den Tod bringen. Und sie sind die auffälligste Inszenierungsidee in einer Flut von witzigen Einfällen, mit denen die 27-jährige Regisseurin das dreieinhalbstündige Werk (dem einige Striche dennoch nicht geschadet hätten) illustriert.

Nebenbei wird so Gounods „Drame lyrique“ zur „Opéra comique“ umfunktioniert. Was nicht ganz falsch ist, da Gounods Faust weit vom Goethe’schen entfernt ist. Nicht Erkenntnisinteresse leitet ihn, sondern der Wunsch nach Jugend, Liebe und Leidenschaft. Eingebettet wird das Drama um Faust und Marguérite in musikalische Szenen von Walzerwirbel, Soldatenchören, Walpurgistaumel und Kirchenfeierlichkeit - klingender Weihrauch- und Schwefeldunst.

Gabriele Jaenecke (Bühne, Kostüme) hat einen für die vielen Verwandlungen idealen Raum geschaffen, eine Art Fabrikruine mit Galerie, die je nach Beleuchtung auch zur Kneipe oder Kirche wird.

Vor das Eintauchen in die Zauberwelt setzt Loschky eine Trennungsszene - der von Marguérite verlassene Faust will sich erschießen. Da erscheint ihm Méphistophélès wie sein eigenes Spiegelbild. Der Bogen schließt sich, als Faust am Ende aus seiner Traumwelt erwacht - und mit Méphistophélès auch sich selbst tötet.

Virtuos und verspielt setzt Loschky dazwischen die Stationen von Fausts Traumreise in Szene (auch wenn die Chorführung meist recht konventionell wirkt). Vereinzelt werden bizarre Akzente gesetzt - etwa mit einer blutenden Marienfigur in der Kirchenszene.

Doch wo alle an unsichtbaren Marionettenfäden hängen, bleibt das Seelendrama von Faust und Marguérite seltsam oberflächlich. Das liegt nicht an den Akteuren: Johannes An verkörpert den Faust mit Inbrunst. Sein helles, etwas schillerndes Tenortimbre passt gut zu dem von Selbstzweifeln gebeutelten Liebenden.

Über noch mehr stimmliche Möglichkeiten verfügt Nicole Chevalier als Marguérite. Virtuos kokett in der Juwelenarie, von anmutiger Schlichtheit beim Lied vom „König von Thule“, packend dramatisch in der Gefängnisszene.

Wer aber ist dieser Méphistophélès? Krzysztof Borysiewicz ist mit seinen roten Augenlidern ein äußerst unterhaltsamer Vertreter der Unterwelt, der mit flexiblem Bass Charme und Beredsamkeit verbindet. Teuflische Schwärze ist aber seine Sache nicht. Wer würde so einen Entertainer nicht unter Vertrag nehmen?

Glanzvolle Farbigkeit erzeugt auch Marco Comin aus dem Orchestergraben. Er animiert das Staatsorchester zu einer Top-Leistung und lässt es an Klangpracht nicht mangeln. Dämonisch getrieben wirkt das aber an keiner Stelle - es würde auch nicht zu den roten Teufelchen passen. Starker Beifall.

Nächste Aufführungen am 25. und 30. Juni. Karten: Tel. 0561 / 1094-222.

Das Ensemble

Neben den drei Hauptakteuren setzt Lona Culmer-Schellbach als Marthe Schwerdtlein im laubforschgrünen Kostüm einen besonderen Akzent. Mit warmer Sopranfülle und mit komödiantischem Charme ist sie die Witwe, die Méphistophélès an die Wäsche geht.

Mit kraftvollem, reichem Soprantimbre und starker Bühnenpräsenz verkörpert Maren Engelhardt den Verlobten Marguérites, Siebel.

Geani Brad hat als Marguérites Bruder Valentin zum wiederholten Mal einen üblen Typen zu spielen und versieht diesen stimmlich mit einigem Glanz.

Igor Durlovski verleiht dem Wagner massive Bassgewalt.

Der Opern- und Extrachor erweist sich in verschiedenen Konstellationen als Mädchenchor, Soldatenchor und gemischter Chor (abgesehen von Anfangs-wacklern) als klangstark, homogen und reaktionssicher.

Von Werner Fritsch

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