Gemälde des Weißrussen Gennady Karabinskiy

Das Rotenburger Muzkkka zeigt Grafiken von Joan Miró

Rotenburg. „Wunder(liches) und geheime Zerstreuungen in Mirós Garten“ heißt die Serie mit 20 Druckgrafiken von Joan Miró (1893-1983), die im Erdgeschoss des Rotenburger Museums für Kunst, Kultur und Karikatur (Muzkkka) hängt.

An einen Garten erinnern diese 20 Blätter: an eigenwillige, bunte Blüten. Keine ist exakt gleich, und doch sind sie sich alle ähnlich. Einen umfassenden Ausschnitt, zumeist aus dem Spätwerk, der etwa 3500 grafischen Arbeiten des Katalanen zeigt das Muzkkka bis zum 18. September.

Überall breite schwarze Pinselstriche, zarte Kringel, Sterne, bunte, gesprenkelte Punkte. Das Universum des Joan Miró. „Deshalb ziehen mich anonyme Gebärden an, Sgraffiti, die Kunst kleiner Leute, im Flug ergriffene Gebärden und Ausdrucksweisen“, lautet ein Zitat des Katalanen, das in der liebevoll eingerichteten Ausstellung auf einer Wand steht.

Wie Kalligrafie: Joan Mirós bunte Zeichensprache lässt sich bis 18. September in Rotenburg entdecken. Foto: Muzkkka

Und an solche spontanen, leichthin auf die Druckplatte geworfenen kalligrafischen Gebärden erinnern all die farbigen Flecken, die sich zu Vögelchen und weiblichen Rundungen formieren. Fröhlich wirkt das, dekorativ, poetisch und unbeschwert. Dazu passen spielerisch angeordnete blaue, rote, gelbe und grüne Würfel in den Räumen. Um so irritierender wirkt das Miró-Zitat an einer anderen Wand: „Mein Leben lang habe ich die Aggressivität vorgezogen. Je älter ich werde, desto verrückter, aggressiver oder, wenn Sie so wollen, bösartiger werde ich.“

An einen anderen Klassiker der Moderne, Marc Chagall, erinnern die Ölgemälde des in Oldenburg lebenden Weißrussen Gennady Karabinskiy im Obergeschoss. Der 56-Jährige malt in dunklen Rottönen das pralle Leben: Früchte wie Trauben, Feigen, Quitten, Fabeltiere, wuchernde Pflanzen. Zwar schwebt kein Engel durch die Luft, doch kullert eine rote Sonne durch die Straßen seines Geburtsortes Baranowitschi. Auch die Vitalität und Wärme eines weißrussischen Sommerabends lässt sich im Muzkkka erleben.

Bis 18. 9., Obertor 8, Di bis So, 10-18 Uhr, Eintritt 9 (7,50) Euro, Kinder bis zwölf 4 Euro. Führungen So 11, 15 Uhr, 1. Mittwoch im Monat 18 Uhr und n.V., Tel. 06623/9148514. www.muzkkka.de

Heute entscheidet sich die Zukunft des Muzkkka

Auseinandersetzungen um Anbau: Rotenburger Stadtverordnete stehen vor der Frage, wie viel ihnen das Museum wert ist

Von Mark-Christian von Busse

Rotenburg / Kassel. Steht das erst 2009 eröffnete Rotenburger Museum für Kunst, Kultur und Karikatur (Muzkkka) schon wieder auf dem Spiel? Heute Abend stellen die Stadtverordneten der Fuldastadt die Weichen. Der Streit über die weitere Finanzierung schlägt seit Wochen hohe Wellen.

Einerseits ist es lokalpolitischer Konfliktstoff. Aber was zur Debatte steht, reicht über die Stadtgrenzen hinaus. Es ist die Frage, wie viel Kultur wert ist, ob sie als Instrument des Stadtmarketings taugt, wie sie sich finanziert. Darf eine verschuldete Stadt Kunst fördern?

Kern der Debatte ist, ob ein 1,24 Mio. Euro teurer Anbau mit behindertengerechtem Eingangsbereich und Mehrzweckraum sowie Brandschutzumbauten finanziert werden. Die Stadt müsste das ehemalige Katasteramt, in dem das Muzkkka untergebracht ist, in Erbpacht übernehmen und 180 000 Euro bereitstellen (der Rest sind Zuschüsse von Land und EU).

Gründungsdirektor Prof. Dr. Walther Keim (76) hat, weil er sich persönlich angegriffen fühlte, die Brocken hingeworfen. Er will sich im September zurückziehen. In einem von unserer Zeitung veranstalteten Lesertreff beknieten ihn viele geradezu inständig, diesen Beschluss rückgängig zu machen. Noch ließ er sich nicht umstimmen. „Die Rotenburger Kommunalpolitiker müssen jetzt mal richtig schwitzen“, entließ er die 250 Besucher im Unklaren.

Gleichzeitig äußerte sich Muzkkka-Motor Keim, als wolle er weitermachen. Die Erinnerungen des Ministerialrats

a. D. an Kindheitsbesuche in Rotenburg seien so positiv, dass er „etwas zurückgeben will“. Der 76-Jährige scherzte: „Früher war ich Beamter, jetzt muss ich arbeiten.“ Er verspricht, den Bundespräsidenten nach Rotenburg zu holen, und vor allem: seine Karikaturen-Sammlung, aus der er 40 Bücher und Ausstellungen konzipiert hat, dem Muzkkka zu überlassen.

Der in Homberg-Relbehausen lebende „Karikaturenpapst“, wie sich der Ex-Leiter der Bundespressedokumentation gern titulieren lässt, weist darauf hin, dass andere Städte „sehr ernsthaft an die Tür klopfen“, um seine Sammlung und sein Engagement buhlen. Genau diese Verknüpfung der Interessen - zahlt die Stadt den Anbau, stellt Keim seine Karikaturen bereit - ist Kritikern ein Dorn im Auge.

Die Befürworter

Das Muzkkka sei Gewinn und Bereicherung - als Treffpunkt von Kunstfreunden und für die schulische Bildung. Das hohe ehrenamtliche Engagement gelte es zu unterstützen. Als „Alleinstellungsmerkmal“ mache das Muzkkka die Stadt unverwechselbar - Fachwerk und schöne Landschaft genügten nicht, um Touristen anzuziehen. Die Sprecher der Rotenburger Geschäftsleute und des Stadtmarketings plädieren für eine weitere Förderung. Sie spüren positive Effekte des Muzkkka. Für Walther Keim steht der Nutzen auch jenseits aller Zahlen außer Diskussion: „Kunst wäscht den Alltag von der Seele“, sie diene Herz und Seele, bringe Entspannung und Freude und beuge Aggressivität und Rechtsradikalismus vor.

Die Kritiker

Die Unabhängigen Bürger Rotenburgs (UBR) - sie bilden mit der CDU im Stadtparlament eine Mehrheit - wollen den Anbau stoppen. Sie verlangen strikte Haushaltsdisziplin. Es gebe kein Konzept des Trägervereins, so die Kritiker, das die finanzielle und personelle Zukunft dauerhaft sichert und eine solide Perspektive über den Einsatz des 76-jährigen Walther Keim hinaus schafft, von dessen Kontakten zu Kunsthändlern und Sponsoren es abhänge. Bisher zahlt die Stadt 30 000 Euro Betriebskosten im Jahr. Das Muzkkka - eigentlich noch kein Museum, sondern Kunsthalle mit Wechselausstellungen, die auch nicht wirklich „zeitgenössische“ Kunst zeigt - dürfe nicht vor anderen Vereinen bevorzugt werden.

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