Die englisch-pakistanische Sängerin Rumer lässt mit ihren eleganten Liedern Hunderttausende aufhorchen

Die Rückkehr des Altmodischen

Nachdenklich: Die Sängerin und Songschreiberin Rumer. Foto: nh

es gibt Tage, da ist das Wohnzimmer von Burt Bacharach der Olymp der Musikbranche. Wenn eine noch unbekannte britische Künstlerin dorthin zum Tee geladen wird und dem Gottvater des Easy Listening („Raindrops Keep Falling On My Head“) vorsingen darf, muss sich das etwa so anfühlen, wie wenn ein Ortsvereins-Politiker bei UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon sein Anliegen vorbringen darf. Der 82-Jährige ließ Rumer nach Kalifornien einfliegen, begleitete die Sängerin am Flügel - und war bewegt von ihrem Gesang.

Bewegt sind heute bereits Hunderttausende, Rumers Debüt „Seasons Of My Soul“ hat in ihrer Heimat Großbritannien einen Senkrechtstart hingelegt und bahnt sich nun auch in Deutschland seinen Weg in die Zuhörerherzen. Mit ungewöhnlichem Ansatz: Die pakistanisch-britische Rumer ist 32 und weit entfernt von all den hübschen Pop-, Jazz- oder Soulsternchen, die wie am Reißbrett von Trendmachern aufgebaut werden.

Rumer ist anders. Und das hat sie sich hart erarbeitet. Sie macht zeitlos schöne Musik. Geschmeidige Perlen, die sich nicht einem Modegeschmack anbiedern. Deren Texte strotzen vor unstillbarer Melancholie, die Musik atmet altmodische musikalische Eleganz. Altmodisch wird hier das neue Modisch.

Auch darin ist sie vergleichbar mit den Carpenters, jenem Popduo aus den 70ern, das mit eleganten Songs wie „We’ve Only Just Begun“ Klassiker schuf. Aber natürlich vor allem, weil Rumers Stimme derartig verblüffend an die Klarheit des Gesangs Karen Carpenters erinnert, dass man anfangen möchte, an vokale Wiedergeburt zu glauben.

Im elegischen „Slow“ wird das besonders spürbar. „Aretha“ huldigt der Queen of Soul - erzählt unter der glatten Oberfläche aber die Geschichte eines Mädchens, das von seiner Mutter missachtet wird. Könnte autobiografisch sein.

Tochter des Kochs

Rumers Lebensweg ist Stoff für mehr als ein Lied: In Islamabad in eine britische Familie geboren - ihr Vater betreut einen Staudamm - erfährt sie Jahre später, dass sie Ergebnis einer Affäre ihrer Mutter mit dem pakistanischen Koch ist.

Zurück in England bricht sie die Friseurlehre ab, wohnt in einem Wohnwagen auf dem Schrottplatz, um ihre krebskranke Mutter zu pflegen und fängt da an, Lieder zu schreiben. Viele Jahre tingelt mit verschiedenen Namen (auch ihrem echten, Sarah Joyce) und Bands, bis sie entdeckt wird. An einem dieser Talent-Abende, wo zufällig Produzent Steve Brown im Saal sitzt. Und ab da bekam Rumers Text- und Gesangstalent endlich einen würdigen Rahmen.

„I Lost My Heart“ singt sie in der ersten Zeile ihres ersten Titels „Am I Forgiven“ auf der CD - und so geht es den Hörern mit ihr, sie verlieren ihr Herz. Britische Radiosender wollten ihre Titel erst nicht spielen, weil sie als betulich galten. Die CD setzte sich trotzdem durch. Gerade das Altmodische, Ernsthafte wird geschätzt.

Auch das ist wie bei den Carpenters. Deren quietschsauberes Image war prägnantes Gegengewicht zu den protzig-opulenten 70ern, ihre nur aufs erste Reinhören seichte Musik hat seit Jahrzehnten Bestand.

Country-Anklänge verbreitet Rumers „Saving Grace“ mit dem Mundharmonika-Intro, bei „Thank You“ steht das Klavier gleichberechtigt neben dem Gesang. „Come To Me High“ handelt vom Kampf gegen Depressionen, unter denen Rumer selbst leidet. Diese Lieder sind Therapie.

Rumer: Seasons Of My Soul (Warner) Wertung: !!!!!

Von Bettina Fraschke

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.