Der ehemalige HipHopper Max Herre spielt im Kulturzelt weich gespülten Soul mit einer exzellenten Band

Rückkehr eines Gewandelten

Optisch hat er sich kaum verändert: Aber aus dem Rapper Max Herre ist ein klassischer Singer/Songwriter geworden. Am meisten gefeiert wurden trotzdem die alten Hits seiner Band Freundeskreis. Foto: Socher

Kassel. Max Herre musste schmunzeln, als er am Freitag im Kasseler Kulturzelt diese traurige Zeile sang. In „Leg dein Ohr auf die Schiene der Geschichte“ geht es um einen kambodschanischen Jungen, der Mitte der 70er erschossen wurde. „Er wär wie ich jetzt 23“, heißt es in dem Polit-Hit aus dem Jahr 1997, den Herre 2001 schon mal im Kulturzelt sang, als er mit der HipHop-Band Freundeskreis auftrat.

Durch intelligenten Rap wurde der gebürtige Stuttgarter damals zu einer Art „Che von Deutschland“, mit der Sängerin Joy Denalane bildete er das Traumpaar des deutschen Pop, sie bekamen zwei Söhne. Dann wurde ihm der Medientrubel zu viel, er arbeitete vor allem als Produzent, und schließlich ging die Ehe in die Brüche. Nun ist Herre 37. Da darf man auch bei einer traurigen Zeile schmunzeln.

Optisch hat sich der Wahl-Berliner kaum verändert. Er sieht immer noch verdammt gut aus mit seinen Locken und dem Revoluzzer-Bart. Vielleicht sind auch deshalb so viele junge Frauen unter den 800 Besuchern im vollen Kulturzelt. Nur vereinzelt sieht man noch die weiten Hosen und Baseball-Kappen der HipHop-Fans, die 2001 beim Freundeskreis-Konzert um die Wette bouncten.

Schließt man aber die Augen, erkennt man Max Herre nicht wieder. Vom Rap hat er sich noch weiter entfernt als Jan Delay, der auch einer der HipHop-Protagonisten war und nun als Soul-Mann einen auf dicke Hose macht. Herre dagegen spielt als Singer/Songwriter weich gespülten Soul, der so schluffimäßig klingt, dass man beim aktuellen Album „Ein geschenkter Tag“ nach dem dritten Lied eingeschlafen ist.

Live aber bietet Herre mit seiner vierköpfigen Band beste Muckermucke, die von den virtuosen Instrumentalisten lebt. Nur wenige Songs sind kürzer als sieben Minuten, weil Jazz-Pianist Roberto Di Gioia (Marsmobil) und Gitarrist Frank Kuruc ihr Ausnahmekönnen in furiosen Soli beweisen dürfen. Herre spielt die Akustikgitarre und singt mit seiner Rio-Reiser-Stimme immer noch traurige Zeilen. Es geht nicht mehr um Politik, sondern um die Trennung von seiner Frau.

In „Blick nach vorn“ singt er von Zweifeln, gegen die man kämpft, und Schlägen, die einen taumeln lassen. Das Lied, sagt Herre, fasst „meine Stimmung am besten zusammen“. Den größten Applaus während der zwei Stunden erhalten trotzdem die alten Freundeskreis-Hits wie „A-N-N-A“.

Von Herre stammt die These, dass Konzerte langweilig werden, wenn zu viele Männer im Publikum sind. Im Kulturzelt belegt er das durch eine Mitsing-Nummer: Während die Männer beim Refrain kaum zu hören sind, überzeugen die Frauen auf Anhieb. Auch da muss Herre schmunzeln.

Nächstes Kulturzelt-Konzert: Mittwoch, 19.30 Uhr, Portico Quartet und Studnitzky Trio.

Von Matthias Lohr

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