Das neue Buch von Michel Houellebecq: Der Skandal ist, dass kein Skandal vorliegt

Auf dem Weg zum Ruhm

Michel Houellebecq

Paris. Der französische Literaturpapst Bernard Pivot hat es bestätigt: Das neue Buch des Starautors Michel Houellebecq, „La carte et le territoire“, ist ein Meisterwerk. Das Urteil ist dem „Roi lire“, dem König des Lesens, wie Pivot in Frankreich genannt wird, nicht leicht gefallen. Doch man müsse ein Werk nicht unbedingt mögen, wie man Schokolade mag, dennoch könne es ein Meisterwerk sein, das der Literatur alle Ehre erweist. Und genau zu diesen Werken gehöre Houellebecqs neuester Roman, der gerade in Frankreich erschienen ist.

Der Schriftsteller tue nichts dafür, beliebt zu sein, lautet der Kommentar Pivots: „Doch dieses Buch bestätigt, dass keiner Michel Houellebecq in der Art und Weise, wie er den Leser verwirrt, erstaunt und verführt, das Wasser reichen kann.“ In seinem Buch, das auf Deutsch so viel heißt wie „Die Landkarte und der Landstrich“, erzählt Houellebecq die Geschichte des Künstlers Jed Martin, der seinen Erfolg der Arbeit mit Versatzstücken von Michelin-Landkarten verdankt - daher auch der Titel. Den Text für seinen Ausstellungskatalog möchte Martin von einem weltweit berühmten Schriftsteller verfassen lassen, wobei er an Houellebecq denkt.

Martin ist wie Houellebecq: ein Einzelgänger, Zyniker und nicht immer umgänglich. In seinen Arbeiten, als Fotograf, dann als Maler, kritisiert er die heutige Gesellschaft, das Diktat des Konsums, die Macht des Geldes, überholte Konventionen. Die Geschichte endet mit der Ermordung Houellebecqs, bekommt den Hauch eines Psychothrillers und trägt stark autobiografische Züge.

Houellebecq ist erstmals ein Roman gelungen, der auf fast einhellige Lobeshymnen stößt: Von Vollendung und literarischer Tiefe ist die Rede. Tatsächlich zeigt er sich weder als Rassist noch als Frauenhasser, Reaktionär oder Islamfeind, was Frankreichs Presse aufs höchste Maß erstaunte - und manche enttäuschte. Die Tageszeitung „Le Parisien“ suchte im Roman vergeblich nach dem ehemaligen Provokateur. Und „Libération“ sah einen möglichen Skandal eher darin, dass es keinen gab.

Vielleicht versteckt sich hinter der überraschenden Kehrtwende des Schriftstellers nur ein ganz profaner Wunsch: endlich zu jenen Auserwählten zu gehören, die sich mit dem höchsten Literaturpreis Frankreichs schmücken dürfen, dem Prix Goncourt. „Die Goncourt-Juroren können fast nicht anders. Sie müssen einem Roman, der alles hat, um zu gefallen, nur wohlgesinnt gegenüber sein“, schreibt der renommierte Kritiker Pierre Assouline zynisch.

Dass ein Plagiat-Vorwurf gegen den Autor aufgekommen ist, war eine Eintagsfliege. Das Online-Magazin „Slate.fr“ will ihm Passagen nachweisen können, die Houellebecq aus dem Internet abgekupfert haben soll. Eine Anschuldigung, die Houellebecq „lächerlich“ nannte, womit sich die Fachwelt zufriedengegeben hat. (dpa)

Von Sabine Glaubitz

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