Sofia Coppola: „Ruhm wird überbewertet“

Gerade einmal vier Filme hat Sofia Coppola, die 1971 geborene Tochter des Regisseurs Francis Ford Coppola, gedreht, doch gehört sie zu den ganz großen Filmemacherinnen ihrer Generation.

Ihr am Donnerstag anlaufender Kinofilm „Somewhere“, der aus dem leer drehenden Leben eines Hollywood-Stars erzählt, wurde in Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet.

Wie ist die Grundidee zu „Somewhere“ entstanden?

Sofia Coppola: Am Anfang stand die Figur des Johnny Marco. Ein Bad-Boy-Schauspieler, der im Hotel „Chateau Marmont“ lebt. Ich hatte bei der Entwicklung verschiedene Schauspieler im Kopf, von denen ich einige Geschichten gehört hatte. Es waren etwa zwölf Personen. Aber ich werde keine Namen nennen.

Sie haben offensichtlich in Ihren Filmen eine Schwäche für Hotels. Was ist das besondere am „Chateau Marmont“?

Coppola: Das „Chateau Marmont“ ist in Los Angeles eine Legende. Viele Hollywood-Stars haben hier gewohnt. Von Humphrey Bogart bis zu Johnny Depp. Es ist ein Ort, der Filmgeschichte atmet. Als ich in den 90ern in Los Angeles aufs College ging, war ich oft dort, einfach nur, um Leute zu beobachten. Es war immer eine sehr interessante, bunte Mischung. Damals gab es da allerdings noch nicht so viele Paparazzi. Heute checken die meisten Leute dort ein, nur um gesehen und fotografiert zu werden.

„Somewhere“ zeigt das Leben eines Filmstars aus einer sehr alltäglichen Perspektive. Was hat Sie in den Hinterhof der Celebrity-Kultur gebracht?

Coppola: Es ist eine extreme Welt, die ich persönlich eher aus der Distanz betrachte. Das Showbusiness und der Ruhm werden vollkommen überbewertet. Das heutige Amerika ist geradezu besessen von seiner Celebrity-Kultur. Viele Leute wollen nur berühmt werden, und ich wollte zeigen, wie es sich anfühlt, wenn man ein Filmstar ist. Für viele Leute klingt das vielleicht erstrebenswert, wenn man einen Ferrari fährt und Strip-Girls auf sein Zimmer im „Chateau Marmont“ bestellen kann. Mir ging es darum, den weniger glamourösen Alltag zu zeigen.

Wie nahe stehen Sie als Regisseurin, die im Filmgeschäft aufgewachsen ist, dieser Welt?

Coppola: Ich bin ja nicht in Hollywood aufgewachsen, sondern in Nordkalifornien. Meine Mutter hatte mit dem Showbusiness nichts zu tun. Da entwickelt man seine eigenständige Perspektive. Und auch heute bewege ich mich nicht die ganze Zeit in der Welt des Films und kann das Ganze sehr gut aus der Distanz betrachten.

Sind die Dinge für Sie aus der Distanz besser zu erkennen?

Coppola: Als ich in Los Angeles wohnte, habe ich Drehbücher geschrieben, die in Tokio oder Frankreich angesiedelt waren. Das Skript zu „Somewhere“ habe ich entwickelt, als ich in Paris gelebt habe. Ich kann nicht so gut über meine direkte Umgebung schreiben. Da brauche ich einen gewissen Abstand.

Trotzdem stellen Sie eine sehr intime Nähe zu den Figuren her.

Coppola: Ich mache persönliche Filme. Von daher ist immer ein Stück von mir in den Figuren. Die größte Herausforderung bei dieser Geschichte war es, sie von einem männlichen Standpunkt aus zu erzählen und sie aus dieser Perspektive glaubwürdig zu gestalten .

Johnny Marco durchläuft einen langsamen, fast unmerklichen Veränderungsprozess. Wodurch verändern sich Menschen? Wodurch verändert sich Johnny Marco?

Coppola: Es gibt immer wieder Momente im Leben, an denen man sich entscheiden muss, welchen Weg man geht. Aber es ist selten nur eine Sache, die eine Veränderung bewirkt, sondern eine komplexe Kombination aus verschiedenen Elementen. Johnny Marco ist an einem Punkt, an dem er irgendwie dazwischen hängt und auf sich selbst blickt. Seine Tochter weckt ihn ein bisschen auf und bringt ihn dazu, sich selbst näher zu betrachten. Die Tochter repräsentiert einen Teil seines Lebens, der sich reiner anfühlt als der Rest seiner Filmstar-Existenz.

Wie nahe fühlen Sie sich dieser Tochterfigur?

Coppola: Die Figur ist an eine Tochter von Freunden angelehnt, die in diesem Alter ist und in dieser Welt aufgewachsen ist. Meine Kindheit war vollkommen anders, aber ich bin auch mit meinem Vater auf Reisen gegangen und habe einen Einblick in die Erwachsenenwelt gehabt, der Kindern normalerweise verwehrt bleibt.

Während die Welt um uns herum und im Kino immer schneller wird, scheinen Sie Ihre Filme konsequent zu entschleunigen.

Coppola: Unser modernes Leben ist voller Ablenkungen und rast mit einer solchen Geschwindigkeit vorbei. Da möchte ich mit meinen Filmen innehalten und genau hinsehen.

Die Dialoge sind in Ihren Filmen sehr sparsam dosiert. Misstrauen Sie den Worten?

Coppola: Für mich ist es interessanter, eine Geschichte über die Bilder als über Dialoge zu erzählen. Bei anderen Regisseuren weiß ich gute Dialoge zu schätzen, aber mich interessiert eher, was die Menschen nicht sagen. Während im Kino die Gefühle oft verbal ganz genau ausformuliert werden, können sich die Leute im wahren Leben meistens nicht so gut in Worten ausdrücken.

Von Martin Schwickert

Zur Person:

Bereits als Kind hatte die gebürtige New Yorkerin Sofia Coppola (39, hier bei den Filmfestspielen in Venedig) Schauspielauftritte in Filmen ihres Vaters Francis Ford Coppola, darunter in „Der Pate“. 1999 wurde ihr Regie-Debüt „Virgin Suicides“ gefeiert. Für „Lost in Translation“ mit Bill Murray und Scarlett Johansson gewann den Oscar für das beste Originaldrehbuch. Coppolas Ehe mit Regisseur Spike Jonze wurde 2003 geschieden. Aus ihrer Beziehung mit Phoenix-Sänger Thomas Mars stammt Tochter Romy, geboren 2006, ihre zweite Tochter Cosima wurde im Mai 2010 geboren. (vbs)

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