Rumms und Wumms

Die enttäuschende neue CD der Pet Shop Boys

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Vielleicht fehlt ihnen der Durchblick: Die eigentlich immer tollen Neil Tennant (links) und Chris Lowe machen auf ihrem neuen Album langweilige Kirmesmusik.

Axis kommt aus dem Griechischen und bedeutet: Achse. Die musikalisch konsequent einfach gehaltene Kreisbewegung war dem Loop-Techno-Musiker Jeff Mills sehr wichtig. Drum nannte er sein 1991 gegründetes Plattenlabel Axis.

Wenn der erste Track auf „Electric“, dem zwölften Studioalbum der Pet Shop Boys, „Axis“ heißt, dann ist das vermutlich nicht als Jeff-Mills-Gedächtnis-Zitat zu verstehen. Weil davon auszugehen ist, dass der 59-jährige Neil Tennant und der 54 Jahre alte Chris Lowe den harten und stilsicheren Techno des Amerikaners nie gehört haben. Andernfalls hätten sie Stuart Price nicht an die Regler gelassen. Hoffentlich.

Stuart Price ist der Mann, dem die Stars blind vertrauen. Madonna tat es, Take That taten es, Kylie Minogue ließ ihn ebenfalls ran. Das Resultat war stets das gleiche: Price schusterte allen Rundum-Sorglos-Synthetik-Alben zurecht. Als amtlicher Mainstream-Dance-Produzent weiß der ehemalige Kopf der Retro-Popband Zoot Woman: Sind Melodie, Songaufbau und Hook nur so lala, schmier Fett drauf und hau ordentlich Effekte in den Salat. Gern auch solche, die der Erstbenutzer von Musiksoftware beim Herumspielen erwischt.

Um die Konfektionsware von Madonna ist’s nicht wirklich schade. Um die Pet Shop Boys und die neun neuen Stücke, die Price in der Mangel hatte, aber sehr wohl. Die Pet Shop Boys sind ja eigentlich ziemlich toll: geschmackssicher, espritbegabt, nicht auf den Kopf gefallen. Verglichen mit dem Gros der Künstler auf dem Einheitsbasar des Pop wiesen ihre von Jugendwahn, Außenseitertum und männlicher Erotik erzählenden Popdramen frappierend viel Stilbewusstsein auf.

Und jetzt das: „Electric“, eine Sammlung von Tracks mit der berechenbaren Wucht eines Mayday-Primetime-DJs. Ist ja nicht schlimm, dass die „Boys“ nach ihrem wundervollen, elegisch-melancholischen Midtempo-Opus „Elysium“ von 2012 möglichst rasch zeigen wollten, dass sie, zumindest musikalisch, noch Männer des Partynachtlebens sind. Nur klingt hier beinahe alles gleich verballert: Filter rein, Filter raus, Trommelwirbel drunter, Echo drauf, Rave-Signale rein, Rave-Signale raus, verdichten, noch mehr verdichten, Bass-Bass-Bass, Rumms-Wumms - fertig ist die Laube.

Sehr bedauerlich. Nicht zuletzt, weil ein feiner kleiner, an Hot Chip erinnernder House-Pop-Ohrwurm wie „Bolshy“ in der Blockbuster-Ästhetik von Price jede Eleganz verliert. Schrecklich schade ist’s freilich um das von Tennant so bittersüß intonierte „Inside A Dream“ - was für ein Schicksal: Aus einem Track mit ordentlich Saft untenrum wird Kirmestechno. Auf zum Breakdancer!

Pet Shop Boys: Electric (x2 / Rough Trade). Wertung: zwei von fünf Sternen

Von Michael Saager

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