Er sabbelt sich zu Tode: Thees Uhlmanns Debütroman

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Was würde man machen, wenn man nur noch drei Minuten zu leben hätte? Um diese Frage geht es im Debütroman des Sängers Thees Uhlmann (41).

Mit seinem jüngsten Soloalbum landete Thees Uhlmann auf Rang zwei der Charts. Nun brilliert der Musiker auch als Bestsellerautor: In seinem Debütroman erzählt er komisch und ernst vom Tod.

Anfang Oktober schwor ich mir, den ersten Roman des Sängers Thees Uhlmann niemals zu lesen. Zu oft war ich enttäuscht worden, wenn Musiker, die ich verehrte, Schriftsteller wurden. Das war bei Rocko Schamoni so, dessen „Sternstunden der Bedeutungslosigkeit“ Zeitverschwendung waren. Und für „Otis“ von Jochen Distelmeyer (Blumfeld) schämte ich mich sogar ein bisschen.

Nun ist es aber Mitte Dezember, Uhlmanns Debütroman steht immer noch ganz weit oben in der „Spiegel“-Bestsellerliste, und Freunde schwärmten von „Sophia, der Tod und ich“, als sei es ein Ohrwurm, den sie immer ganz laut mitsingen möchten. Ich habe das Buch darum nun doch gelesen - und es war die reinste Freude. Ich habe laut gelacht, fast geweint und mir Sätze rausgeschrieben, die man nicht mehr vergessen möchte.

So ähnlich ist es auch bei Uhlmanns Konzerten. Schon als der „Bruce Springsteen von Niedersachsen“ im April 2003 mit seiner Band Tomte im Ballsaal des Kasseler Hotels Reiss spielte, erzählte er zwischen den Songs Geschichten, aus denen andere einen Roman gemacht hätten. Der 41-Jährige nennt das selbst Sabbeln.

Dieser schnoddrige Ton bestimmt auch „Sophia, der Tod und ich“, in dem der Tod an der Tür des Ich-Erzählers klingelt. Bevor er stirbt, bekommt er noch zwei Tage Zeit. Mit seiner Ex-Freundin und dem Tod will er noch einmal seine Mutter besuchen.

Uhlmanns makaberes Roadmovie liefert jede Menge Pointen, aber auch kluge Antworten auf die Lebenslügen seines Helden, die da lauten: „1. Mir geht’s ganz gut. 2. Ja, ich habe mich darum gekümmert. 3. Ich denk ganz bestimmt dran.“

Wie einst Uhlmann ist der Ich-Erzähler Krankenpfleger und in einer Kleinstadt in Norddeutschland aufgewachsen, beide haben ein Kind. Das war es aber schon mit den Parallelen. Der Wahl-Berliner hat ein Talent, Dialoge zu schreiben, die sitzen. Dazu kommen kluge Lebensweisheiten wie: „Tod ist wie Krieg. Plötzlich ist das da, was man sonst nur aus dem Fernsehen kennt.“

„Sophia, der Tod und ich“ ist vielleicht der beste Roman eines schreibenden Musikers seit der „Herr Lehmann“-Trilogie von Sven Regener (Element of Crime) und damit ein seltenes Glück. Das ist nicht das Schlechteste, wie es im Buch heißt: „Wenn glückliche Momente selten sind, erinnert man sich umso stärker an sie. Ich fragte mich, ob das nicht sogar besser war als ewiges Glück.“

Thees Uhlmann: Sophia, der Tod und ich. Kiepenheuer und Witsch. 320 Seiten, 18,99 Euro. 

Wertung: fünf von fünf Sternen

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