Sabberfäden der Liebe: Großer Pop mit der Indie-Band Kettcar

Wer sagt denn, dass es blöd aussieht, wenn man die Hände in den Taschen hat? Kettcar mit Sänger Marcus Wiebusch (Mitte) und Bassist Reimer Bustorff (Zweiter von rechts). Foto: Hornoff  / nh

Wahrscheinlich gab es so ein Liebeslied im deutschen Pop noch nie, wie es Marcus Wiebusch auf dem neuen Album seiner Band Kettcar singt. In „Rettung“ geht es um eine durchgefeierte Nacht und die Freundin des Ich-Erzählers, der so übel ist, dass sie es nicht mehr bis zum Klo schafft.

Wiebusch singt über Sabberfäden, die „zart mein Ohr streichelten“. Er erzählt, wie er Essen aus ihrem Haar pult, ehe er eine Wahrheit diagnostiziert, die in anderen Liebesliedern nie vorkommt: „Liebe ist nicht das, was man empfindet / Nicht nur das, was man fühlt / Nicht was man voller Sehnsucht sucht / Liebe ist das, was man tut.“

Wenn man Wiebusch im Interview fragt, ob er seiner Frau auch schon mal die Kotze aus dem Haar gewischt hat, sagt er, dass er sich alles, wovon das große und sagenhaft schöne Album „Zwischen den Runden“ handelt, ausgedacht habe. „Mein wirkliches Leben ist so öde“, findet der 43-Jährige. „Ich bin verheiratet und bringe morgens zwei Kinder zur Kita. Das interessiert keine Sau.“

Das überrascht, weil Kettcar bislang auch für Authentizität und befindlichkeitsfixierte Texte standen. Als das Hamburger Quintett 2002 von allen Plattenfirmen nur Absagen erhielt, weil die Manager meinten, alternativen Gitarren-Pop mit deutschen Texten wolle niemand hören, gründeten Wiebusch, Bassist Reimer Bustorff und Tomte-Sänger Thees Uhlmann ihr eigenes Label Grand Hotel van Cleef. Schon nach ihrem Debüt „Du und wieviel von deinen Freunden“ galten Kettcar als eine der wichtigsten deutschsprachigen Bands.

Bei Amazon im Punk-Regal

Das gilt auch zehn Jahre und drei Alben später noch. Zum ersten Mal hat sich Wiebusch das Songschreiben mit Bustorff geteilt. „Zwischen den Runden“ ist musikalisch das vielseitigste Kettcar-Album geworden. Es gibt immer noch Emo-Nummern zum Arme-in-die-Luft-Werfen wie „R.I.P.“, das an Arcade Fire erinnert. Vor allem aber gibt es leisen Liedermacher-Folk, Northern Soul und viele Streicher- und Bläser-Arrangements.

„Das hat man uns nie zugetraut, weil wir aus dem Punk kommen“, sagt Wiebusch. Dort werden Kettcar beim Internet-Händler Amazon immer noch eingeordnet. Dabei hat man selten so zerbrechliche Miniaturen gehört wie „In den Süden“ und „Zurück aus Ohlsdorf“. Wer beim Hören hier nicht weint, hat kein Herz.

In beiden Liedern geht es um den Krebs. Einmal überlebt der Patient, einmal stirbt er. „Aber beide Songs feiern das Leben“, sagt Wiebusch, der bisweilen an sich zweifelt, weil er so lange braucht, um Texte zu schreiben: „Manchmal denke ich, der Zenit sei überschritten.“

So weit ist es noch lange nicht. Mit „Zwischen den Runden“ ist ein großer Songschreiber auf dem bisherigen Höhepunkt seines Schaffens.

Kettcar: Zwischen den Runden (Grand Hotel van Cleef).
Wertung: fünf von fünf Sternen

Von Matthias Lohr

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.