Ein Sabbler vor dem Herrn: Thees Uhlmann im Kasseler Kulturzelt

Charmanter Außenseiter des Musikgeschäfts: Thees Uhlmann im Kasseler Kulturzelt. Foto: Schachtschneider

Als Sänger von Tomte wurde Thees Uhlmann bekannt, längst ist er solo und auch als Romanautor erfolgreich. Im Kasseler Kulturzelt bot er gute Unterhaltung - auch wenn er zu viel redete.

Kassel. „Ich bin über 40 - mein Leben ist mittlerweile ein Angriffskrieg.“ Dies war eine der anspruchsvolleren Moderationen von Sänger und Gitarrist Thees Uhlmann, mit der er am Mittwochabend versuchte, im voll besetzten Kasseler Kulturzelt mit Wortbeiträgen zu punkten. Ansonsten strapazierte der als Sänger der Indierock-Band Tomte bekannt gewordene und zuletzt zum Bestsellerautor („Sophie, der Tod und ich“) avancierte Künstler mit einigen Langweilern das Publikumsbedürfnis nach einer flotten Party.

Am meisten überzeugten Uhlmann und seine fünf Mitstreiter mit den Songs, die eine prägnante Refrainzeile zu bieten hatten. „Zum Laichen und Sterben ziehen die Lachse den Fluss hinauf“ - was nach Naturdoku oder Buchtitel klingt, wurde von der breit gefächerten Gästeschar lautstark intoniert und im Zusammenspiel mit einem guten Ton und angesagten Lichteffekten entstand für einige Momente deutsche Festivalstimmung. Bei der scheinen rhythmische Eloquenz oder musikalische Vielfalt nicht die entscheidenden Kriterien zu sein.

Der Uhlmann’sche Schrammel-Poprock, irgendwo zwischen Kaiser Chiefs und den frühen Coldplay verortet, passt sich nahtlos dem Hauruck-Gezeter namhafter Kollegen an und hätte man sich an diesem Abend nicht viel Mühe bei der Textverständlichkeit gegeben, wäre die Musik belanglos und völlig unerotisch gewesen.

Doch Uhlmann ist ein Sympath, ein charmanter Außenseiter der Szene, der sich nur begrenzt dem Habitus der aktuellen Anforderungen des Musikgeschäfts unterordnen möchte. Oder sich manchmal total verweigert. Wenn er von seiner Mutter erzählt, die E.T. mit Joda, dem Jedi-Krieger aus „Star Wars“, verwechselt, dann verklebt er Wohnzimmeratmosphäre mit Kumpelgelaber und erzeugt Nähe zum Produkt.

Uhlmanns Produkt ist so deutsch, wie es im positiven Sinn nur deutsch sein kann. Angepasst an eine Mentalität, die neben dem Karriere- und Wohlstandsdenken auch temporäre, wohlgeordnete Ausbrüche in alternative Lebenwelten impliziert. So ist man einmal im Jahr Heavy-Metal-Fan in Wacken oder schwul auf dem Christopher Street Day.

Uhlmann kennt das Spiel und versucht, dem etwas entgegenzusetzen. Letztlich gab es drei Zugaben und großen Beifall für den engagierten Nerd und seine gute Band.

Kulturzelt am Freitag, 19.30 Uhr: Boy (Restkarten an der Abendkasse).

Von Andreas Köthe

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.