Sachbuch-Bestseller des Jahres macht Bäume zu Menschen

Der Wald ist ein deutscher Mythos und sieht in jeder Jahreszeit gut aus: Ob im sommerlichen Sonnenschein im Habichtswald bei Kassel oder im Herbst im Nationalpark Kellerwald-Edersee bei Bringhausen. Fotos: Lohr/dpa/nh

Der Förster Peter Wohlleben hat ein Buch über den Wald geschrieben. "Das geheime Leben der Bäume" steht seit Monaten ganz oben auf der Bestsellerliste. Von Kollegen gibt es jedoch Kritik.

Glaubt man Peter Wohlleben, sind Bäume die neuen Pop-Stars. In seinem Bestseller „Das geheime Leben der Bäume“ zitiert der Förster aus der Eifel Peter Maffays Zeile „Und wenn ich geh, dann geht nur ein Teil von mir“. Wohlleben findet, dass „dieser Satz von einem Baum geschrieben worden sein könnte“. Bäume sind für ihn auch nur Menschen, die fühlen können und eine Seele haben. Mit solchen Erkenntnissen hat der 51-Jährige einen Nerv getroffen. Sein Buch steht seit Mai in der „Spiegel“-Bestsellerliste ganz oben. Erklären können sich das aber nicht mal seine Kollegen.

Das Buch 

Wohlleben entdeckt für den Leser „eine verborgene Welt“, wie es im Untertitel heißt. Dabei ist die allgegenwärtig. Ein Drittel Deutschlands ist bewaldet, aber wie Bäume fühlen und kommunizieren, das hat man beim Waldspaziergang noch nicht mitbekommen.

Auch der Förster Wohlleben wusste vom geheimen Leben der Bäume lange so viel „wie ein Metzger von den Gefühlen der Tiere“, wie er gesteht. Nun charakterisiert er Buchen, Birken und Co. als „soziale Wesen“, die Freundschaften miteinander schließen. Der Wald ist demnach ein Sozialstaat, in dem sich Starke um Schwache kümmern. Manche verströmen Warngase, um ihre Kumpels auf Feinde hinzuweisen. Kommuniziert wird über Pilze, „das Internet des Waldes“. Bäume sind für ihn wie Tiere. Sie schreien sogar, wenn sie Durst haben.

Das alles klingt wie ein Märchen der Brüder Grimm, die 96 ihrer 200 gesammelten Geschichten in einem Wald spielen lassen. Aber Wohlleben schreibt sehr anschaulich. Er sieht sein Buch als eine Übersetzung von Wissenschaft ins Deutsche.

Der Autor 

Peter Wohlleben

Der gebürtige Bonner Wohlleben gilt seit Jahren als „Förster-Rebell“. Seine Beamtenstelle in Hümmel westlich von Koblenz kündigte er 2006 - angeblich weil er die ständigeKritik seiner rheinland-pfälzischen Chefs leid war. In seinem Eifel-Wald lässt er nur Buchen pflanzen, Fichten sind ihm ein Graus. Gern wettert er gegen künstliche Nadelwaldplantagen. Statt Erntemaschinen kommen Pferde zum Einsatz, chemische Mittel gar nicht.

Nur in solch einem Wald seien die Bäume noch Bäume, während die sozialen Wesen durch die konventionelle Forstwirtschaft zu Einzelgängern würden. Derartige Thesen passen in eine Zeit, in der es bei Hamburg einen Yoga-Wald gibt und seit diesem Jahr sogar ein Magazin namens „Walden“.

Die Kritik

Auch Hermann-Josef Rapp hat das Buch gelesen. Der 71-Jährige war jahrzehntelang Förster in Reinhardshagen und gilt als „Stimme des Reinhardswaldes“. Der Naturschützer freut sich, „dass unser Wald so weit nach vorn gekommen ist in der Bestsellerliste“. Ansonsten kann er aber nur den Kopf schütteln über die „hanebüchenen und unwissenschaftlichen Erkenntnisse“ seines Kollegen, den er „den größten Selbstdarsteller der Branche“ nennt. „Die Seele des Baumes, das ist doch Spökenkiekerei“, sagt er und klingt dabei ungefähr so wie eine wütende Buche, wenn sie tatsächlich sprechen könnte.

Peter Wohlleben: Das geheime Leben der Bäume: Was sie fühlen, wie sie kommunizieren - die Entdeckung einer verborgenen Welt. Ludwig-Verlag, 224 Seiten. Wertung: zwei von fünf Sternen

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