Rufus Wainwright, Meister der großen Gefühle, wiederholt sich auf seiner neuen CD

Die Sache mit dem Anspruch

Schwelgerische Inszenierungen: Rufus Wainwright. Foto:  Universal

Release The Stars“ (2007), das letzte Studioalbum des Multiinstrumentalisten und Opernfreundes Rufus Wainwright, war eine einzige pathetische Übertreibung. Wenn auch eine recht geschmackvolle: Ein weiteres Mal inszenierte sich der Sohn eines Folkmusikers als begabter Performer großer Gefühle zwischen Anklage und Schuldeingeständnis.

Häufig jedoch liefen die arg zuckrigen Arrangements mit ihren sehr laut gespielten Höhepunkten eine Parade in eigener Sache. Kurz darauf hatte sich für den 1973 in New York geborenen Künstler ein Traum erfüllt: die Zusammenarbeit mit dem berühmten Regisseur Robert Wilson. Wainwright war mit der Aufgabe betraut, Shakespeares Sonette zu vertonen. Die Theateraufführung im Jahr 2009 am Berliner Ensemble kam bei der Kritik nicht gut weg. Trotz der ganzen Pracht ein eher statisches Vergnügen.

Auf den ersten Blick könnte man meinen, Wainwright hätte sich die Kritik zu Herzen genommen. Weshalb sonst ein Album, das lediglich auf zwei „Bauelemente“, auf Klavierspiel und Wainwrights Stimme, vertraut? Keine Band, keinerlei Orchestrierung. Sollte dem Künstler weniger am Ende tatsächlich mehr geworden sein? So einfach ist es nicht, denn im Sinn hatte der Künstler nichts Geringeres als einen ambitionierten Kunstliederzyklus à la Schubert.

Das neue Werk hört auf den Namen „All Days Are Nights: Songs For Lulu“, was eine textliche Bezugnahme auf Wedekinds Theaterklassiker „Lulu“ meint. Der Tod von Wainwrights Mutter spielt eine zentrale Rolle. Ferner geht es um Kämpfe mit Dämonen und schwule Leidenschaften. Gleich drei Sonette von Shakespeare hat Wainwright neu vertont. So gesehen: eine reiche, im Grunde überreiche Platte.

Umso mehr wundert man sich bei allem kompositorischen Geschick des Künstlers doch über die Gleichförmigkeit der Stücke, die noch gleichförmiger werden durch Wainwrights selbstverliebte, ewig luxuriös-dekadente Dauer-Vibrato-Stimme, der zweierlei fremd ist: leise Töne und Bescheidenheit. Und so brät der Künstler ein weiteres Mal im eigenen Anspruchssaft und bewegt dabei doch herzlich wenig, vor allem das Herz des Hörers nicht.

Rufus Wainwright: All Days Are Nights: Songs For Lulu (Decca / Universal). Wertung: !!!::

Von Michael Saager

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