Interview: Der Musikwissenschaftler und Spohr-Experte Wolfram Boder über bedeutende Bands

„In Sachen Punk ist Kassel nicht Provinz“

Sie sind Musikwissenschaftler und Kenner des Komponisten Louis Spohr, spielen Piano sowie Klarinette. Was interessiert Sie am Kasseler Punkrock, über den Sie heute in der Bar „Mutter“ einen Vortrag halten?

Dr. Wolfram Boder: Ich mag die Musik und habe die Szene als Kasseler eine ganze Weile verfolgt. Als Pianist habe ich sogar zeitweise in der Band Giant Ass gespielt. Allerdings sind wir nie gemeinsam aufgetreten. Und in meiner Dissertationsprüfung an der Humboldt-Uni wollte ich ursprünglich darüber reden, dass die Linken-Ikone Adorno den Punk aus musiktheoretischer Perspektive als reaktionär eingestuft hätte. Aber der Prüfungsvorsitzende hat das Thema abgelehnt.

Wer an Punkmusik aus Kassel denkt, denkt vor allem an die Bates, die es mit Hits wie „Billie Jean“ Mitte der 90er in die Charts schafften. Hatte die Stadt noch mehr zu bieten?

Boder: Auf jeden Fall. Anfang der 80er gab es im Messinghof das Label Iron Curtain Records mit Bands wie Neues Deutschland und Die Helden. Auch Haunted Henschel und Siegmund Freud Experience mit dem späteren Stereo-Total-Keyboarder Brezel Göring waren weit über Kassel hinaus bekannt. Später folgten die Rykers, die in den 90ern eine der erfolgreichsten Hardcore-Bands Europas waren.

Gibt es so etwas wie eine Kasseler Schule?

Boder: Ich glaube nicht. Mit dem Begriff wäre es schwierig geworden, da die Spohr-Schüler bereits unter Kasseler Schule firmieren. Man kann aber sagen: In Sachen Punk ist Kassel nicht Provinz. Es ist ja fast immer so, dass Bands in kleineren Orten anfangen und irgendwann nach Berlin gehen.

Mittlerweile ist es aber ruhiger geworden in Kassel, oder?

Boder: Auf und Abs gibt es überall. Im Moment ist Punkrock nicht das, was bei Jugendlichen ganz vorn ist. Aber es gibt immer noch Konzertorte wie das Haus und das K 19.

Was legen Sie auf, wenn Sie abends müde nach Hause kommen: Punk oder Spohr?

Boder: Das kommt ganz auf meine Stimmung an und das Thema meines nächsten Vortrags. Meine Lieblingsband ist übrigens Wizo. Die Sindelfinger machen kluge Texte und sind musikalisch außergewöhnlich gut.

Mit den Helden ins Bates Motel. Punkrock und andere Musik aus Kassel in der Zeit von 1980 bis heute. Mit einem Vortrag von Dr. Wolfram Boder: Heute, 20 Uhr, Mutter, Bunsenstr. 15.

Von Matthias Lohr

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