Sänger Alex Diehl will beim ESC ein Zeichen setzen

Mit einem leisen Lied und einem Handy-Video wurde Alex Diehl nach den Terroranschlägen in Paris bekannt. Nun tritt er beim Eurovision Song Contest an - obwohl Glamour nicht seine Welt ist.

Alex Diehl ist wirklich über Nacht zum Star geworden: Direkt nach den Terroranschlägen am 13. November in Paris schrieb der Singer/Songwriter aus dem Chiemgau über die Gewalt in Frankreich und den Hass deutscher Rechtspopulisten „Nur ein Lied“, das um die Welt ging. „Aus Angst wird Hass, aus Hass wird Krieg, bis die Menschlichkeit am Boden liegt“, heißt es darin. Nächsten Donnerstag tritt der 28-Jährige damit beim deutschen Vorentscheid zum Eurovision Song Contest (ESC) an.

Allein mit Ihrer Gitarre auf der Bühne singen Sie ein Lied, das von einer friedlicheren Welt handelt. Sind Sie so etwas wie die männliche Nicole?

Alex Diehl: Nein, ich bin nicht Ralph Siegel und habe den Song auch nicht aus kommerziellen Gründen geschrieben. Ich bin einfach ein Liedermacher, der in 15 Minuten einen emotionalen Schnellschuss hatte, nachdem er sehr wütend geworden war.

Sie haben „Nur ein Lied“ innerhalb einer Viertelstunde nach dem Terror von Paris geschrieben. Dabei geht es nicht nur um die Anschläge.

Diehl: Stimmt, ich war frustriert von den politischen Zuständen im Land, von Pegida, AfD und Co. Es geht um die Flüchtlingspolitik. Monatelang habe ich mit Leuten diskutiert, die ihren Hass im Internet posten. Ich habe mich auf Demos mit der Gitarre gegen Rechtspopulisten auf die Straße gestellt. Als dann die AfD die Anschläge instrumentalisieren wollte, habe ich aufgeschrieben, was mich so wütend macht. Danach habe ich ein paar Akkorde dazugetan. Das ist keine musikalische Glanzleistung. Es ist nur eine Botschaft, die von Herzen kommt. Ich bin stolz, dass sich unsere Politik nicht von moralischen Grundsätzen verabschiedet.

Hätte der ruhige Song beim schrillen ESC eine Chance?

Diehl: Es wäre sicher mutig, mich nach Stockholm zu schicken, aber es wäre auch ein Zeichen für die Menschlichkeit. Mit einem anderen Lied hätte ich niemals mitgemacht. Dieses Glamour-Ding ist nicht meine Welt. Aber hier geht es um den Song, dessen Einnahmen ich an die Hilfsorganisation „Save for Children“ spende.

Es gibt schon Dutzende Cover-Versionen. Was war die berührendste Reaktion?

Diehl: Es gab Zehntausenden Nachrichten - selbst aus Südafrika und Kanada. Ein Chor hat sich eigens gegründet, um das Lied zu covern. Eine Lehrerin in Australien vermittelt den Text ihren Schülern und behandelt so das Flüchtlingsthema in Europa. Das ist alles unfassbar.

In der Tat. Erst versuchen Sie jahrelang vergeblich, einen Hit zu schreiben und nun verändern Sie die Welt, was nicht einmal viele Stars schaffen.

Diehl: Die Welt verändern wollte ich früher aber auch schon. Ich mache keine Popmusik, die berieselt. Ich war immer der Anti-Bendzko. Aber zuvor habe ich gedacht: „Ich bin eh nur einer, was kann ich schon tun?“ Nun bin ich dankbar, doch etwas tun zu können.

Mit 17 haben Sie während einer Mathe-Klausur entschieden, die Schule abzubrechen. Wie schwierig war es, Fuß zu fassen als junger Musiker?

Diehl: Das war die Hölle. Ich habe viele verweinte Nächte hinter mir. Immer wieder habe ich den Vermieter gefragt: „Bitte, geben Sie mir noch eine Woche mit der Miete?“ Für einen Appel und ein Ei habe ich mir die Finger wund gespielt. Trotzdem habe ich immer daran geglaubt, Musik zu schreiben, die die Menschen gebrauchen können.

Ihre Eltern haben Sie nach dem Schulabbruch zu Hause rausgeschmissen. Was sagen sie mittlerweile zu Ihrer beachtlichen Karriere?

Diehl: Sie sind meine größten Fans und Kritiker und meine besten Freunde. Es war aber ein langer Kampf. Ich konnte sie aber auch verstehen. Ich habe schon mit 15 in vier Bands gespielt und wollte meinen Traum von der Musik leben. Meine Eltern stammen jedoch aus einer Zeit, als so etwas auf dem Land eine Utopie war. Das ist so, als würde ein Jugendfußballer bei der DJK Waging von einer Karriere beim FC Bayern träumen.

Andere wären in so einer Situation aus der Provinz nach Berlin oder München gezogen.

Diehl: Ein halbes Jahr habe ich es in München versucht. Dann bin ich schnell wieder aufs Land gezogen. Ich kann nicht in einer Stadt leben.

Zur Person

Geboren: am 26. November 1987 in Traunstein

Ausbildung: keine (Schulabbruch mit 17)

Karriere: Diehl begann mit 18, als Musiker und Gitarrenlehrer zu arbeiten. Sein Debütalbum „Ein Leben lang“ veröffentlichte er 2014. Der Nachfolger erscheint am 15. April.

Privates: Lebt mit seiner Freundin im Chiemgau.

Der ESC: Die ARD überträgt den Vorentscheid mit Diehl und weiteren neun Kandidaten am Donnerstag, 25. Februar (20.15 Uhr).

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