Sänger Bosse: "Am Ende wird immer alles gut"

Eigentlich kann der Hamburger Musiker Bosse nichts richtig, wie er im Interview gesteht. Trotzdem hat der Malocher mit Herz wieder ein tolles Album mit großen Pop-Melodien aufgenommen.

Der Hamburger Bosse hat es als Musiker quasi vom Tellerwäscher zum Millionär gebracht. 2008 trat der gebürtige Braunschweiger bei Konzerten manchmal vor acht Zuschauern auf. Für mehr als 100 000 verkaufte Einheiten seines letzten Albums „Kraniche“ gab es dagegen Gold. In der ersten deutschen Pop-Liga ist Bosse, der sich selbst einen „schlechten Gitarristen“ nennt, der Malocher mit Herz.

Auf seinem sechsten Album zieht der 35-Jährige für seine Generation Bilanz. Es geht um das Ende der Jugend und Abschiednehmen. Trompeten und Streicher spielen große Melodien, als Gast ist der Rapper Casper zu hören. Für uns erklärt Bosse sein Album.

Bosse über das Aufnehmen in Italien: Vom vorigen Sommer habe ich überhaupt nichts mitbekommen, weil ich die ganze Zeit im Trainingsanzug im Studio saß. Das Album ist zum Teil in Italien entstanden, wo die Eltern meines Produzenten ein Steinhaus haben. Da gibt es kein Handyempfang. Man steht früh auf, spielt ein bisschen Tischtennis, macht sonst den ganzen Tag nur Musik, und abends geht man früh ins Bett. So habe ich in einer Woche Sachen geschafft, für die ich in Hamburg oder Berlin zwei Monate gebraucht hätte.

Über das Älterwerden: Die erste Überschrift für das Album lautete: „Ende meiner Jugend.” Es geht darum, wie man mit 35 ein bisschen Bilanz zieht. Man blickt auf verpasste Chancen zurück, ist keine 20 mehr, sondern hat die Hälfte des Lebens vielleicht schon hinter sich. Mit meiner persönlichen Bilanz bin ich zufrieden. Ich sehe meiner Tochter beim Wachsen zu, mache Musik und das, worauf ich Lust habe. Wenn ich über einen Sommer meckere, den ich im Tonstudio verbracht habe, ist das Jammern auf hohem Niveau.

Über Selbstoptimierung: In „Wir nehmen uns mit” geht es um den Zwang zur Selbstoptimierung. Darin bin ich ziemlich schlecht. Mein ganzes Leben konnte ich viele Sachen ganz okay, aber nichts richtig. Manchmal beneide ich Leute wie meinen Cellisten, der mit 3 angefangen hat, Cello zu spielen, und mit 37 einfach richtig gut ist. Ich hab so was nicht - außer vielleicht das Texten.

Über das Berliner Funkhaus: In dem altehrwürdigen Bau haben wir auch einige Songs eingespielt. Da sehen selbst die Telefone aus, als käme gleich Erich Honecker um die Ecke. Normalerweise arbeite ich eher im Kleinen, und nun spielte ein großes Orchester meine Songs. Das war ein toller Moment. Manchmal kann ich auch nicht glauben, dass wir mit dem Nightliner durch Deutschland touren und einen kleinen Lkw haben, der die Bühne hinterherfährt.

Über Melancholie: In „Ahoi Ade” singe ich über den Tod eines Freundes. Da habe ich gemerkt: Das Allerschwierigste am Texten ist, ein trauriges Lied zu schreiben, wenn man selbst traurig ist. Das kann schnell pathetisch werden. Aber trotz aller Melancholie bin ich eher ein optimistischer Mensch. Ich glaube immer, dass am Ende alles gut wird.

Über seine Wahlheim at Hamburg: Meine allermeisten Freunde sind längst nach Berlin gezogen. Eigentlich gibt es in Hamburg nur noch mich und Marcus Wiebusch von Kettcar. In Hamburg fühlen wir uns auch deshalb wohl, weil wir etwas außerhalb wohnen und einen 250 Quadratmeter großen Acker haben. Dort baue ich Kartoffeln, Fenchel und Bohnen an. Das ist auch für Kinder toll. Ich wollte nicht, dass meine Tochter denkt, die Mohrrübe kommt aus der Tiefkühltruhe.

Bosse: Engtanz (Vertigo/Capitol). Wertung: vier von fünf Sternen

Bosse tritt beim Open-Flair-Festival in Eschwege (10. bis 14. August) auf.

Zur Person

Geboren: am 22. Februar 1980 in Braunschweig als Axel Bosse

Ausbildung: Schulabbruch nach der 11. Klasse

Karriere: Bosses Debüt „Kamikazeherz“ erschien 2005. Der Durchbruch gelang ihm 2011 mit dem Album „Wartesaal“. Zwei Jahre später gewann er Stefan Raabs Bundesvision Song Contest.

Privates: Lebt mit der Schauspielerin Ayse Bosse und der gemeinsamen Tochter (8) in Hamburg.

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