Feine Sahne Fischfilet 

Sänger Jan "Monchi" Gorkow: "Wir haben ein großes Herz“

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Stammt aus Jarmen bei Greifswald: Jan „Monchi“ Gorkow, Sänger der Punkband Feine Sahne Fischfilet.

Kassel. Jan "Monchi" Gorkow und Christoph Sell von der Punkrockband äußern sich zum Album "Sturm und Dreck", mit dem sie Menschen wachrütteln wollen. Und über ihre Heimat an der Ostsee.

Die Band Feine Sahne Fischfilet macht Musik gegen Rechts. Jetzt ihr neues Album „Sturm und Dreck“ draußen, im April startet der Dokumentarfilm „Wildes Herz“ von Schauspieler Charly Hübner über Frontmann Jan „Monchi“ Gorkow und die Band im Kino. Im August kommt sie nach Eschwege zum Open Flair. Ein Gespräch mit Frontmann Jan Gorkow und Gitarrist Christoph Sell.

Muss man bei Ihren Konzerten besonders hart gesotten sein, schließlich singen Sie: „Wenn wir sehen, dass ihr kotzt, geht es uns gut”?

Jan „Monchi“ Gorkow:Ne! Nein. „Ich kann immer noch nicht singen und spiel jetzt bei Rock am Ring. Wenn wir sehen, dass ihr kotzt geht es uns gut” ist nicht auf unsere Fans bezogen. Es geht uns dabei um Hater, die uns nicht wohlgesonnen sind. Egal aus welchem Grund. Das ist eher ein Fuck-Finger.

Sie nehmen auf dem neuen Album nicht nur politisch kein Blatt vor den Mund. „Ich habe meine Schwester beklaut”, heißt es in einem Song. Herr Gorkow, erfährt das Ihre Schwester erst durch das Lied?

Gorkow: Das hat sie schon früher gecheckt. Ich habe ihr damals was von ihrem Konfirmationsgeld geklaut. Als ich so 13, 14, 15 Jahre alt war, habe ich sie immer beklaut, um zu Fußball-Auswärtsspielen zu fahren. Das ist aufgeflogen. Als ich ihr das jetzt vorgespielt habe – also meiner Familie – habe ich das nach all den Jahren wieder thematisiert, weil das damals assi war.

Haben Sie es ihr denn jemals zurückgezahlt?

Gorkow:In Liedern. Und ich hoffe auch in Liebe.

Im April kommt der Film „Wildes Herz” von Charly Hübner raus, der ein Porträt über Sie, Herr Gorkow, aber auch über die Band ist. Fühlen Sie sich gut getroffen?

Christoph Sell: Wir finden vor allem, dass es ein realistisches Bild ist. Aktionen, die wir gemacht haben und sehr gut finden, sind toll dargestellt. Aber der Film zeigt auch, dass man Menschen nicht idealisieren kann. Wir sind auch mit unseren Fehlern zu sehen, aus denen wir lernen. Und er zeigt, dass wir ein großes Herz haben und den Willen, die Gesellschaft menschlicher und solidarischer zu machen. Das schafft der Film, deshalb finde ich ihn sehr wertvoll. Das Filmteam hat uns über ein paar Jahre begleitet und wir haben uns angefreundet. Es ist ein Film über uns, aber nicht von uns.

Gorkow: Der Film bildet genau die Zeit ab, um die es im Song „Alles auf Rausch” geht. Eine Zeit, in der man viel reist, politisch und privat viel erlebt. Das Lied ist der Soundtrack. Für mich ist das sehr, sehr persönlich. Sehr intim, sehr hart und schön zugleich.

Diese sehr persönliche Seite hört man auch bei “Niemand wie ihr”, ein Lied, dass Sie, Herr Gorkow, Ihrer Familie widmen.

Gorkow: Meine Eltern, engste Freunde, meine Ex-Freundin und Bandleute sprechen im Film über mich. Sie erzählen nicht nur Heldengeschichten, das geht mir nah. Deshalb ist „Niemand wie ihr” auch der schönste Songtext, den ich je geschrieben habe. Das ich meinen Eltern das Lied vorspielen und schenken konnte, ist sehr schön.

Wie passt dieses Liebeslied zu den harten Punkrockern?

Sell: Klar, wir machen oft Punkrock, wir sind aber nicht so festgefahren. Wir versuchen darzustellen, dass wir eine prollige, eine starke und eine sensible Seite haben. Das wirkt zusammen – live und auf Platte. Wir sind ja auch in der Band ganz unterschiedliche Typen. Deshalb passt der Song sehr gut zu uns.

Gorkow: Wer uns live gesehen hat, weiß, dass wir von Ekstase bis hin zu Momenten, wo Leute vor der Bühne stehen und heulen, wenn wir sensible Lieder wie “Komplett im Arsch” oder “Warten auf das Meer” spielen, alles zulassen. Mir ist Punkrock scheißegal, diese Band kann alles sein. Wenn wir auf dem nächsten Album Techno machen wollen, machen wir es. Wir sind Feine Sahne Fischfilet und das ist, was wir zu sechst sein wollen. Punkt.

Macht es überhaupt noch Sinn, feste Szenen abzustecken? Auf Festivals feiert man gleichermaßen zu Punk, HipHop und Elektro ab.

Sell: In dieser Vielfalt sehen wir eine Chance. Wenn wir bei Rock am Ring, dem Dockville oder dem Highfield-Festival spielen, erreichen wir auch Leute, die sonst eine ganz andere Musik hören. Dort fühlen wir uns dann genauso wohl, wie bei kleinen Konzerten in Jugendzentren vor 200 Leuten.

Hat der große Erfolg für Sie auch Schattenseiten?

Gorkow:Ich antworte, was ich als erstes gefühlt habe: Nein. Ganz sicher kann man was finden, wenn man danach sucht. Aber wenn wir als Band jetzt rumheulen würden, wäre das völlig falsch. Was wir gerade erleben dürfen, ist das Allergeilste und der Oberhammer. Uns gibt es seit zehn Jahren und seit vier Jahren dürfen wir auf größeren Festivals spielen. Wir leben gerade einen absoluten Traum.

Wenn Sie jetzt schon Ihren Traum leben, haben Sie dann überhaupt noch Ziele?

Gorkow: Wenn ich rumspinnen, würde ich auf die Knie fallen, wenn es mit der Band, mit uns sechs mein ganzes Leben so weitergeht. Wichtig ist, dass wir es uns bewahren, auf kleinen und auf großen Festivals zu spielen – mit der “Noch nicht komplett im Arsch – Zusammenhalt gegen den Rechtsruck”-Kampagne mit Leuten etwas zu reißen, unsere Release-Party nicht in riesigen Hallen, sondern im Dorf zu machen. Und: Die Popularität schamlos ausnutzen für das, was man geil findet.

„Angst frisst Seele auf” und „Suruç” sind die wohl politischsten Songs auf dem Album.

Gorkow: Das sind für mich keine Aufrüttel-, sondern höchstpersönliche Songs. Für andere Leute wirken sie höchstpolitisch, aber es geht um Dinge, die ich selbst erlebt habe. Bei “Angst frisst Seele auf”, geht es um eine Freundin, die im NSU-Untersuchungsausschuss in Thüringen sitzt und der die Band Erschießungskommando ein Lied geschrieben hat. Das Lied heißt, wie sie heißt, Katharina König. Sie singen drei Minuten darüber, wie sie sie abschlachten wollen. Ähnlich ist es bei “Suruç”, ich war vor Ort, als es ein Selbstmordattentat gab. Zwei Tage vorher habe ich noch beim Deichbrand-Festival gespielt und kurz drauf steht man an der türkisch-syrischen Grenze zwischen 31 Leichen. Ein Lied über all das zu schreiben ist was Gutes und sehr persönliches – fast ein Tagebucheintrag. Es freut uns aber, wenn die Leute sagen, dass unsere Musik ihnen Kraft gibt. Das soll “Sturm und Dreck” auch machen. Es ist an der Zeit, nicht den Kopf hängen zu lassen, sich nicht dem Rechtsruck hinzugeben. Ich kann das vielleicht nicht so prima in Sätzen ausdrücken, bin dafür aber viel besser darin, ganz praktisch auf die Kacke zu hauen. Wie mit unserer Kampagne, bei der wir in sieben Wochen in 17 Dörfern und Kleinstädten mit Leuten wie Materia und Campino Konzerte gespielt haben. Taten sagen mehr als Worte. Wir bleiben nicht nur auf der Mukke backen. Wenn das Menschen wachrüttelt, freut uns das ungemein. Aber in erster Linie, gibt es uns selbst auch Kraft.

Sell: Der Song „Wir haben immer noch uns” spiegelt genau das wieder: Die Wut, die man über den Rechtsruck hat, mit anderen Leuten in positive Energie umzuwandeln und zu zeigen, dass es ganz viele Leute gibt, die keinen Bock auf Rassismus haben. Leute, die in den kleinsten Orten Geflüchteten helfen und humanistische Projekte vorantreiben. Auch, wenn wir ganz tief in der Scheiße stehen, haben wir immer noch uns – und das hilft.

In „Wo niemals Ebbe ist”, geht es um Heimat. Was bedeutet das für Sie?

Gorkow: Das ist unser Schlager-Song auf dem Album und ich freue mich extrem darauf, den live zu spielen. Ich liebe Mecklenburg-Vorpommern, da kommen wir her. Da haben wir unseren Proberaum, da leben unsere Familien. Manchmal hänge ich einfach auch nur mega gerne dort ab, gucke dumm Fernsehen oder chille an der Ostsee. Das ist ein Luxus. Wir leben dort, wo niemals Ebbe ist.

Die Band macht sich stark gegen Rassismus. Dennoch sagen Sie, Herr Gorkow, im Film, dass Sie noch immer auch selbst Rassismus und Sexismus im Kopf hast.

Gorkow: Bestimmt werden es wieder irgendwelche Leute total beschissen finden, was ich da sage. Aber wenn es so ist, warum soll ich es denn nicht sagen. Ich finde es menschlich gesehen auch eklig, wenn Leute so tun als hätten sie die Weisheit mit Löffeln gefressen. Wer denkt, ich bin deshalb ein Hoschi, ist mir egal. Das meine ich nicht rebellisch. Ich sage ja auch nicht, ich scheiße darauf, sondern versuche aus Fehlern zu lernen. Vorurteile hat jeder und man hat viel Scheiße im Kopf. Es ist wichtig, dass man drüber nachdenkt und versucht, sich zu verändern.

Sell: Ich fand den Satz sehr spannend. Denn es ist doch in unser aller Köpfe drin, weil wir in dieser Gesellschaft aufgewachsen sind. Wir wollen das bei uns selbst und in der Gesellschaft verändern. Es ist für mich eher ein Problem, wenn Leute so tun, als sei das nicht so.

Vor ein paar Jahren tauchte die Band regelmäßig im Verfassungsschutzbericht in Mecklenburg-Vorpommern auf. Haben Sie sich jemals als Staatsfeinde gesehen?

Gorkow: Nein, das ist total peinlich. Der Verfassungsschutz gehört abgeschafft, das ist für uns ganz klar. Eine Behörde, die den NSU mit aufgebaut und hofiert hat. Diese Behörde hat mehr über uns geschrieben, als über den NSU, der gemordet hat. Das sagt einfach alles. Wir machen uns deshalb nicht heiß, wir machen unser Ding. Wenn uns jemand nicht auftreten lassen will, fällt uns kein Ei aus der Hose und wir heulen auch nicht rum. Dann ist das halt so und wir sind einen Tag länger zu Hause, da freue ich mir auch den Arsch ab.

Sell: Wir machen das, was moralisch für uns richtig ist. Für uns ist ganz klar, wenn wir eine solidarischere und bessere Gesellschaft haben wollen, bei der es mehr um den Menschen gehen soll, dann muss man sich auch gegen Nazis wenden. Das war für uns immer eine Selbstverständlichkeit. Wir sind Demokraten auf einem radikalen Weg. Wenn ich deswegen ein Staatsfeind bin, dann bin ich es gerne. Davon lassen wir uns nicht beirren – immer für die Moral. Lothar König, der Pfarrer in Jena war, sagt, dass wir eine ur-christliche Band sind. Das ist witzig, aber auch wichtig.

Der Albumtitel „Sturm und Dreck” erinnert an Sturm und Drang.

Sell: Er ist letztendlich gar nicht daran angelehnt. Im Sturm bestehen und vorangehen. Und Dreck ist was Negatives wie die dreckigen rassistische Zeiten - aber auch positiv und ungestüm, wie dreckige Punkrockzeiten. So geht es uns.

Welche drei Songs würden Sie jemandem vorspielen, der noch nie etwas von Feine Sahne Fischfilet gehört hat?

Gorkow:„Niemand wie ihr”.

Sell: (lacht) Du bist befangen. Ich nehme nur Songs vom neuen Album: „Alles auf Rausch”, weil der gut die Band widerspiegelt. “Suruc”, weil der sinnbildlich dafür steht, das Persönliches und Politisches zusammenwirken. Und dann „Niemand wie ihr” oder „Zuhause”, Lieder mit ganz viel Herz.

Feine Sahne Fischfilet: Sturm und Dreck (Audiolith/ Broken Silence). Open Flair: 8.-12. August, Eschwege. www.open-flair.de

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