Sänger Matthias Reim: "Schlager ist nicht mehr verpönt"

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Wer Matthias Reim fragt, ob er nicht genervt sei, auch 24 Jahre nach „Verdammt, ich lieb dich“ noch auf seinen Mega-Hit angesprochen zu werden, bekommt eine überraschende Antwort: „Ich bin sogar dafür, dass man ihn auf meinen Grabstein schreibt.“

So weit ist es noch nicht. Der Schlagersänger, der in Homberg aufgewachsen ist und in Göttingen studiert hat, ist einfach nicht totzukriegen. Reim hatte 14 Millionen Euro Schulden. Der 56-Jährige musste wieder von vorn anfangen, schaffte 2013 mit „Unendlich“ ein Nummer-eins-Album, ist längst schuldenfrei und veröffentlicht diesen Freitag die neue CD „Die Leichtigkeit des Seins“.

Herr Reim, wie kommt es, dass Sie nur ein Jahr nach Ihrem erfolgreichen Comeback schon wieder ein neues Album herausbringen?

Matthias Reim: So ein Nummer-eins-Album ist unheimlich inspirierend. Im Dezember bin ich in der Berliner O2-Arena vor 8000 Menschen aufgetreten. Das ist ein unglaublicher Moment für jemanden, der davor auch mal vor 12 Leuten gesungen hat. In Berlin habe ich die Leichtigkeit des Seins wiedergefunden. Ich musste einfach weitermachen.

Das Intro besteht aus einem Blues. Zuletzt waren Sie mit einem Cowboy-Hut zu sehen. Sind Sie der einsame Cowboy des deutschen Schlagers? 

Reim: Nein, aber ich war gerade im Kino und hatte zum dritten Mal Quentin Tarantinos Western „Django Unchained“ gesehen, da kam mir dieser „Lonesome Rider Blues“ in den Sinn. Er passt zu meinem Leben, das nie so läuft, wie ich es mir wünsche.

Wie ist es eigentlich um den deutschen Schlager bestellt, der immer wieder totgesagt wird, mit Helene Fischer in den Charts aber ganz oben steht? 

Reim: Ich glaube, diese Entwicklung hat 2006 mit der Fußball-Weltmeisterschaft begonnen, als die Deutschen zum ersten Mal wieder zu ihrem Nationalgefühl stehen durften.

Aber muss man deswegen gleich Schlager hören? 

Reim: Die Deutschen trauen sich einfach wieder zu sagen: „Ich will Spaß.“ Deshalb ist Schlager nicht mehr verpönt. Wenn die ganze Nation einen relativ platten Song wie Helene Fischers „Atemlos“ singt, dann ist etwas passiert. Die Franzosen und Italiener hatten schon immer riesige Stars, die die Nation unterhalten haben, ohne dabei wahnsinnig intellektuell zu sein. Das gibt es nun auch bei uns. Der Mega-Hype um Helene Fischer tut der ganzen Branche gut. Irgendwann werden die Leute die alten Lieder nicht mehr hören wollen, und dann werden sie andere Schlagersänger entdecken.

Auch auf Ihrem neuen Album hört man wieder Pop und Rock. Ist es trotzdem okay, wenn man Sie Schlagersänger nennt? 

Reim: Ich kann damit leben, obwohl ich nun wirklich kein traditioneller Schlagersänger bin. Ich bin auch nicht der intellektuelle Chansonier. Ich benutze bestimmte musikalische Mittel, um Geschichten zu erzählen, die viele Menschen ansprechen. Zu meinen Konzerten kommen 25-jährige Männer und sagen: „Matthias, du singst über mein Leben.“

Und die typische Reim-Geschichte handelt vom Macho, der feststellt, dass er keiner ist. 

Reim: Stimmt. Wer mich auf dem CD-Cover sieht, sieht einen coolen Typen mit Sonnenbrille, aber wer meine Texte hört, weiß, dass ich anders bin.

Voriges Jahre ist Ihre dritte Ehe zerbrochen. Haben Sie das beim Schreiben verarbeitet? 

Reim: Ja, das Schreiben ist für mich wie eine Therapie. Ich bin nicht der Einzige, bei dem die Beziehungen nicht so laufen, wie sie sollten. Aber ich verstehe mich gut mit meiner Frau. Sie wohnt am Bodensee direkt um die Ecke. Unsere Kinder sind mal bei ihr und mal bei mir. So etwas wird man in meinen Liedern allerdings nicht erfahren. Ich habe einen Protagonisten, der Ich heißt. Dahinter kann ich mich immer verstecken. Nur ich weiß, welche Songs autobiografisch sind.

Der berührendste Song des neuen Albums heißt „Mama“ und ist Ihrer 2012 gestorbenen Mutter gewidmet. Was hätten Sie ihr gern noch sagen wollen? 

Reim: Ich hätte ihr gern noch einmal gesagt, welche Bedeutung sie in meinem Leben gehabt hat. So etwas erkennt man oft erst, wenn es zu spät ist. Meine Mutter ist 55 Jahre immer für mich da gewesen. Als ich letztes Jahr zum ersten Mal nach 23 Jahren wieder auf Platz eins der Charts war, wollte ich sie spontan wieder anrufen. Aber dann fiel mir ein: Das geht ja nicht mehr.

Sind Sie noch ab und an in Ihrer Heimatstadt Homberg? 

Reim: Nein, mein Vater lebt jetzt in Marburg, das Haus ist verkauft. Es gibt nichts mehr, wo ich hingehen könnte. Ich habe nur noch meine Erinnerungen an Homberg.

Matthias Reim: Die Leichtigkeit des Seins (Universal). Wertung: drei von fünf Sternen 

Zur Person

Geboren: am 26. November 1957 in Korbach Ausbildung: Studium der Germanistik und Anglistik in Göttingen Musikalische Anfänge: Gründete mit zehn Jahren die Schülerband Rhyme River Union. Später komponierte er für Roy Black und Jürgen Drews. Durchbruch: 1990 mit der Single „Verdammt, ich lieb dich“ Privates: Der Vater von fünf Kindern hat sich gerade von seiner dritten Frau getrennt und lebt am Bodensee.

Von Matthias Lohr

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