Sänger Sven Regener: "Mit 35 geht es mit dir bergab"

Seit 25 Jahren machen Element of Crime sehnsüchtigen Schrammelfolk. Nun bringt die Berliner Band um Sänger Sven Regener ein Album mit Cover-Songs heraus. „Fremde Federn“ enthält 20 Aufnahmen aus den Jahren 1989 bis 2009 - Lieder von den Pet Shop Boys, Dusty Springfield und Wham klingen nun wie sehnsüchtiger Schrammelfolk. Wir sprachen Regener (49).

Herr Regener, zu Beginn Ihrer Karriere haben Sie kaum Songs gecovert. Warum nicht?

Sven Regener: Das habe ich mich auch immer gefragt. Wahrscheinlich hat man als unbekanntere Band große Berührungsängste. Wenn man ein Lied einer anderen Gruppe covert, meinen alle zu wissen, an wen man sich hält. Das kann eine übermächtige Bedeutung bekommen. Man will aber doch einzigartig sein. Bei Konzerten gibt es zudem die Gefahr, dass eine Coverversion am lautesten bejubelt wird, weil die eigenen Lieder kein Schwein kennt. Das ist nicht schön.

Auf „Fremde Federn“ interpretieren Sie auch Freddy Quinn und Alexandra. Hören Sie manchmal Schlager?

Regener: Ich bin kein Schlager-Fan, aber Schlager gehört zum Pop. Und als Rockband, wie wir sie sind, wirst du auch vom Pop beeinflusst. Alexandra habe ich immer gern gehört. Freddy Quinns „Heimweh“ war nicht unsere Wahl. Der Regisseur Hans Weingartner wollte, dass das Lied in „Die fetten Jahre sind vorbei“ gesungen wird, aber nicht im Original. Dann haben sie uns gefragt. Wir haben es durch den Fleischwolf gedreht, und es ist unbeschadet rausgekommen. Ich finde, es hat etwas Martialisches.

Trotzdem klingt es nun wie ein Element-of-Crime-Song. Könnten Sie jedes Lied covern?

Regener: Nein. Das meistgecoverte Stück der Welt ist übrigens „Yesterday“ von den Beatles. Das heißt aber nicht, dass es auch das beste ist.

Sie haben gesagt, eine gute Band habe einen guten Song, eine richtig gute Band zwei und eine spitzenmäßige Band drei. Wie viel gute Songs haben Sie?

Regener: Drei, das sage ich ganz selbstbewusst. Ich erinnere mich aber, den Satz etwa so gesagt zu haben: „Wenn du drei gute Songs hast, kannst du so viele Platten machen, wie du willst.“ Das ist meine kleine Rock’n’Roll-Theorie.

Die ARD hat Ihren Roman „Neue Vahr Süd“ verfilmt. Das ist auch eine Coverversion, ein Buch auf 90 Minuten zu verdichten.

Regener: Stimmt, das Kürzen wäre für mich grausam gewesen, darum habe ich mich rausgehalten. Eigentlich müsste man „Neue Vahr Süd“ so Herr-der-Ringe-mäßig als Dreiteiler verfilmen. Nun muss ich damit leben, dass ein Regisseur seine Version dreht. Aber es ist ein ordentlicher Film geworden.

Demnächst bringt Leander Haußmann den „Kleinen Bruder“ ins Kino. Sie haben wie schon bei „Herr Lehmann“ das Drehbuch geschrieben. Wieso aber gibt es in keinem der drei Filme Musik von Ihnen zu hören?

Regener: Das finde ich eigentlich ganz gut. Ich will nicht, dass man meine Bücher mit dem Element-of-Crime-Ding in Verbindung bringt. Ich habe auch nie meine Bandkollegen gefragt, wie sie die Romane finden. Vielleicht finden sie die scheiße. Dann hätte ich keine Lust mehr, mit ihnen Musik zu machen.

Einmal waren Sie in der Talkshow „3 nach 9“ zu Gast, in der Norbert Blüm dafür plädierte, dass man im Alter jung bleiben solle - bis Sie dazwischenfuhren und sagten: „Jeder hat das Recht darauf, alt zu sein, auch im Kopf.“ Sie werden bald 50. Welche Rolle spielt das Alter für Sie?

Regener: Mit diesem Jubiläumsding kann ich nichts anfangen. Allenfalls 35 fand ich entscheidend: Das ist der Punkt, bei dem es mit dir körperlich bergab geht. Deshalb hören Sportler mit 35 auf. Auch die Tatsache, dass es Element of Crime seit 25 Jahren gibt, haben wir nicht gefeiert. Vielleicht ist es gar kein Wert, als Band so lange zu bestehen.

Kann man als Rockstar in Würde altern?

Regener: Ich denke schon, aber man muss sich anpassen. Wenn du mit 25 besoffen auf der Bühne stehst und den Auftritt abbrechen musst, ist das okay. Das ist mir auch schon passiert. Mit 50 ist das jedoch nur noch tragisch.

Das Album „Fremde Federn“ ist bei Universal erschienen.

„Neue Vahr Süd“ läuft am 1. Dezember, 20.15 Uhr, in der ARD.

Von Matthias Lohr

Zur Person

Geboren: am 1. Januar 1961 in Bremen Ausbildung: Studium der Musikwissenschaften in Hamburg und Berlin (abgebrochen) Beruf: Sänger und Gitarrist bei Element of Crime, Schriftsteller („Herr Lehmann“) Privates: Lebt mit seiner Frau und zwei Kindern in Prenzlauer Berg.

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