Eine musikalischer Höhepunkt zum Verdi-Jahr: Anna Netrebkos Album mit Arien des großen Italieners

Das ist sängerischer Wahnsinn

Dieser Anfang ist spektakulär: Anna Netrebko spricht zu uns, eigentlich ist es mehr ein Raunen, dann singt sie eine kurze Phrase allein, ehe das Orchester mit einsetzt. Was wir hören, ist die Szene von Lady Macbeth „Nel dì della vittoria io le incontrai“ (Am Tag des Sieges traf ich sie) aus der Verdi-Oper „Macbeth“. Verschlagen und böse erscheint die machtgierige Gattin Macbeths hier im ersten Akt, „hohl und verschleiert“ wünschte sich Giuseppe Verdi diese Partie gesungen.

Wer so beginnt, hat etwas Besonderes vor. Das lässt aufhorchen. Von null auf Platz sechs in den deutschen Charts rauschte Anna Netrebkos Album „Verdi“ gleich nach der Veröffentlichung. Gut möglich, dass daraus eines der meist verkauften Klassik-Alben wird.

Es wäre jedenfalls nicht unverdient, denn die 41-jährige russische Starsopranistin hat dem Jubilar Verdi, der am 9. (oder 10.) Oktober vor 200 Jahren in Le Roncole, Provinz Parma, geboren wurde, damit das bisher spannendste Geschenk gemacht. Gleichzeitig hat sie sich als Sängerin auch neu positioniert.

Mit dem Lady-Macbeth-Schwerpunkt auf der neuen Platte legt sie das leichte, etwas schwermütige Violetta-Image aus „La traviata“ ab, das ihr seit ihrem Erfolgsalbum zusammen mit Rolando Villazón aus dem Jahr 2005 anhing. Jetzt sind die ernsten, schweren, komplexen Frauengestalten Verdis angesagt, und man darf bestaunen, wie sich Netrebkos Stimmcharakteristik seit ihrem letzten Studioalbum vor fünf Jahren verändert hat. Und wie sie ihre Ausdrucksmöglichkeiten enorm verfeinert hat.

Beim letzten der fünf „Lady“--Tracks, der irren Nachtwandelszene „Una macchia è qui tuttora“ (Dieser Flecken kommt immer wieder), erzeugt Netrebko mit dunklen Färbungen eine wahrhaft gespenstische Atmosphäre, aus der das einsame hohe Des heraussticht. Trotz des extremen Ausdrucks vermeidet sie aber die Überzeichnung ins Groteske - und das ist große Gesangskunst.

Noch immer ist Netrebkos Stimme extrem beweglich und technisch brillant, sie hat aber gleichzeitig an Körperlichkeit und an Fülle gewonnen. In der Arie der Elena „Mercé, dilette amiche“ (Dank Euch, geliebte Freundinnen) aus der „Sizilianischen Vesper“ zeigt sich die Verbindung von Temperament, Kraft und Brillanz auf das Schönste. Ein besonderer Leckerbissen.

Auch In den Arien der Giovanna („Johanna von Orléans“), der Elisabetta („Don Carlo“) und der Leonora („Der Troubadour“) zeigt Netrebko, dass sie als Verdi-Sängerin derzeit eine Ausnahmestellung einnimmt. Dass in der Kerkerszene des „Troubadour“ ihr früherer Tenor-Traumpartner Rolando Villazón als Manrico einen kleinen Auftritt hat, wirkt da wie eine nette Reminiszenz. Keinesfalls unterschlagen darf man, dass der Dirigent Gianandrea Noseda Netrebko mit dem Turiner Theaterorchester äußerst stilsicher begleitet.

Was kann jetzt noch kommen? Natürlich Wagner. Für 2016 hat Netrebko ihr Debüt als Elsa im „Lohengrin“ mit dem Dirigenten Christian Thielemann angekündigt. Darauf kann man sich freuen.

Anna Netrebko: Verdi. Deutsche Grammophon. Wertung: !!!!!

Von Werner Fritsch

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