Lessings „Miss Sara Sampson“ in überzeugender Interpretation am Staatstheater Wiesbaden

Sie säuseln und belauern sich

Schäbiges Ambiente: Doreen Nixdorf, Stefan Schießleder und Sybille Weiser (hinten).

Wiesbaden. Bei der bahnbrechenden Uraufführung von Lessings Tragödie „Miss Sara Sampson“ 1735 in Frankfurt/Oder soll das Publikum nach vier Stunden Tränenströme vergossen haben. Heute weint niemand mehr. Das tödlich endende „Rührstück“ mit dem Tauziehen zweier verzweifelter Frauen um einen charmanten, aber windigen adeligen Lebemann, der die Zerreißprobe nicht entfernt wert ist, geht in Ricarda Beilharz’ moderner Inszenierung im Wiesbadener Staatstheater denkbar unsentimental und flott über die Bühne.

Die gelernte Bühnenbildnerin verließ sich im stark gekürzten Beziehungsdrama ganz auf ihre mit Bedacht ausgewählten Protagonisten. Ihre Szenerie: Ein puppenstubenartig anmutender, dreistöckiger, fensterloser Baukomplex als heruntergekommener Vorstadtgasthof, in dessen schäbigen Zellen die Figuren ihren widerstreitenden Empfindungen und Wünschen, Missgunst und Wut, Egoismus und Hochmut und der Unfähigkeit zu offener Aussprache und Entscheidungen in schrillen Tönen freien Lauf lassen. Sie belauern sich, schmeicheln, argwöhnen, keifen und zischen um die Wette und kommen zu keinem Ergebnis. Obwohl weitgehend in Lessings Sprache aufgeführt, wirkt der Text erschreckend heutig.

In die Zwickmühle geraten, pendelt der elegante, arrogante und zügellose Genussmensch Mellefont, der nach immer neuen Ausflüchten sucht, an schwankendem Seil zwischen den Stockwerken hin und her. Er täuscht seiner abgehalfterten Geliebten Marwood ebenso wie ihrer Rivalin Sara den treu Liebenden vor. Stefan Schießleder gibt ihm starkes Profil.

Doreen Nixdorf spielt die verlassene Geliebte als penetrant auf ihre „Rechte“ pochende, glitzernde Halbweltdame: eine bald säuselnde, bald zeternde, wutentbrannt drohende, eiskalte Intrigantin, die vor Mord nicht zurückschreckt. Sybille Weiser als Sara, die wegen ihrer „großen Liebe“ den Vater verließ, um mit dem Windbeutel auf und davon zu gehen, ist eine naive Traumtänzerin, die für ihren Blindflug teuer bezahlen muss: mit dem Leben. Nächste Termine: 20., 26.10., Tel. 06131/1312325, www.staatstheater-wiesbaden.de Foto: Kaufhold

Von Britta Steiner-Rinneberg

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.