Sahra Wagenknecht mit einer „Faust“-Analyse in der Universität

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Kapitalismuskritik: Sahra Wagenknecht und Manfred Osten.

Kassel. War Goethes "Faust" ein Frühkapitalist? Dazu äußerte sich die Linken-Fraktionsvorsitzende Sahra Wagenknecht in der Kasseler Universität.

Kassel. Die Interpretation historischer Ereignisse und der Werke, Handlungen und Gedanken der jeweils daran beteiligten Personen ist in Kunst, Literatur und Politik ein beliebter Sport. Für die Linken-Fraktionschefin im Bundestag, Sahra Wagenknecht, ist zum Beispiel „Goethe ohne Zweifel einer der frühesten, feinsinnigsten und tiefgründigsten Kritiker, die der Kapitalismus je hatte.“

Wieso dem so ist, erklärte sie am Donnerstagabend einem bunt durchmischten Publikum in einem gut gefüllten Hörsaal im Campus Center in der Universität. Im Zwiegespräch mit Goethe-Kenner Dr. Manfred Osten (Bonn) spannte die brillante Rhetorikerin einen weiten Bogen von Goethes „Faust 2“ zum aktuell weltweit praktizierten Turbokapitalismus und bescheinigte dem deutschen Dichter eine in poetisches Gold gegossene Weitsicht in Bezug auf die Konflikte, die das extreme Verhältnis von Arm und Reich hervorrufen.

Wagenknecht sieht den Faust in Goethes verschlungenem Spätwerk als grüblerischen Zweifler, der sich zwar dem Streben nach Reichtum in der verhängnisvollen Koalition mit Mephistopheles nicht erwehren kann, aber doch die von Krieg, Betrug und Ausbeutung begleitete Kommerzialisierung der Gesellschaft aus tiefster Seele hasst. Der Mord an dem alten Ehepaar Philemon und Baucis, die Suche nach der schönen Helena, der künstliche Mensch Homunculus und die „drei gewaltigen Gesellen“ Habebald, Haltefest und Eilebeute – Wagenknecht sieht in allem und jedem eine kapitalismuskritische Symbolik: eine der Welt den moralischen Teppich unter den Füßen wegziehende Strategie der Mächtigen, noch mehr Profite um ihrer selbst Willen einzufahren.

Wagenknecht formuliert klar und präzise, einer zwingenden Stringenz folgend und mit der abgebremsten Leidenschaft einer in unzähligen Diskussionen gestählten Rednerin. Immer bestrebt, ihre Weiblichkeit und Attraktivität dem Thema und der Sache unterzuordnen. Es gab viel Applaus für eine Frau, die mit Sachverstand, Charisma und Engagement für eine Haltung im Politzirkus steht.

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