Saisonbilanz: Staatstheater Kassel verzeichnet leichten Besucherrückgang

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Erfolgsoper „Tosca“: Mirjam Tola in der Titelrolle als Floria Tosca.

Kassel. Die Operette arbeitete sich in der Beliebteit nach oben, das Musical sackte ein. Die „Fledermaus“ in der comicbunten Inszenierung von Volker Schmalöer war der Gewinner der diesjährigen Musiktheater-Spielzeit am Kasseler Staatstheater.

Das Musical „Jekyll & Hyde“, bei dem Patrick Schlösser jeden 19.-Jahrhundert-Bezug eliminiert hatte, zog wesentlich weniger, als es zu erwarten war. 14 232 Besucher kamen zur Operette (Auslastung 74,4 Prozent), im Musical saßen 12 848 Zuschauer (61,6). Im Vorjahr verzeichnete das Musical noch satte 19 638 Besucher (88,7), die Operette 12 645 (57,5). Das waren die großen Ausschläge in einer ansonsten statistisch wenig auffälligen Spielzeit.

Erfolgsoperette „Die Fledermaus“: Maren Engelhardt als Prinz Orlofsky.

Besuchermäßig verzeichnet Intendant Thomas Bockelmann das drittbeste Ergebnis seiner seit 2004 laufenden Kasseler Amtszeit. In seiner zehnten, der jetzt zu Ende gehenden Saison 2013/14, kamen 222 480 Besucher zu 702 Veranstaltungen, das entspricht einer Auslastung von 70,2 Prozent. Vorjahresvergleich: 229 112 Zuschauer bei 688 Veranstaltungen (72,7). Die jetzige Spielzeit ist durch den späten Ferienbeginn länger als die vorige, es gibt mehr Aufführungen, das senkt die Auslastung. Die Fußball-Weltmeisterschaft wirkte sich in den letzten Sommerwochen ebenfalls auf den Besucherzuspruch aus.

Das Haus hat aktuell 10 132 Abonnenten und verzeichnet in der Zeit vom 1. August 2013 bis 31. Mai 2014 Einnahmen von 2,660 Millionen Euro. (Vorjahreszeitraum: 2,713 Millionen). Eine Endabrechnung liegt noch nicht vor.

Die Sparte Musiktheater steht durch den Musicaleinbruch schwächer da als im Vorjahr. Die Besucherzahl ging in diesem Bereich von 77 463 auf 74 274 zurück, die Platzausnutzung von 66,1 auf 63,0 Prozent. Publikumslieblinge waren der allerdings erst viermal aufgeführte „Rigoletto“ (85,6) und das Saisoneröffnungsstück „Tosca“ (81,8).

Die französische Oper „Samson et Dalila“ war mit nur 36 Prozent am schwächsten ausgelastet. Die lediglich konzertante Aufführung zog nicht.

Erfolgsschauspiel „Macbeth“: Bernd Hölscher und Anke Stedingk als Macbeth und Lady Macbeth. Foto:s Klinger

In der Tanzsparte hat sich der Aufwind des vergangenen Jahres abgeschwächt. Zu 46 Aufführungen kamen 14 058 Besucher (Vorjahr: 13 306 bei 33 Terminen). Die Auslastung ging damit von 78.5 auf 59,4 Prozent zurück. Ein Grund könnte sein, dass es in der aktuellen Saison keine Produktion mit Orchesterbegleitung gab. Das ist nächste Spielzeit wieder vorgesehen.

Im Schauspiel hat sich wenig verschoben. 56 723 Besucher kamen zu 247 Aufführungen, das ergab eine Auslastung von 66,8 Prozent. Vorjahr: 55 151 / 236 / 67,9. Publikumsrenner war hier ausgerechnet eines der düstersten Stücke der Theatergeschichte: William Shakespeares „Macbeth“. Die Plätze waren zu 92,9 Prozent belegt. Geschwächelt hat ausgerechnet ein anderer Klassiker: „Der Kirschgarten“ von Anton Tschechow, der nur auf eine Auslastung von 56,9 Prozent kommt. Allerdings bei 21 Aufführungen verglichen mit nur acht bei „Macbeth“. Ein Achtungserfolg erzielte der Saisonstart mit der Uraufführung von „Lucky Happiness Golden Express“ und 60,9 Prozent Zuspruch.

Zum Kinder- und Jugendtheater kamen 35 257 Zuschauer, die Auslastung liegt hier bei 92,8 Prozent.

Kommentar: "Mutig sein"

Dass die abgelaufene Spielzeit „nur“ die drittbeste in zehn Kasseler Intendantenjahren Thomas Bockelmanns war, ist unerheblich. Kleinere Schwankungen begründen keinen Trend, zumal in diesem Jahr die Fußball-WM dazu beigetragen hat, dass gegen Ende der Saison der Theaterbesuch etwas nachließ.

Ein paar Erkenntnisse lassen sich dennoch aus den Zahlen ziehen: Auch ein gut gemachtes Musical füllt nicht automatisch über Monate die Ränge, und eine Oper ist konzertant dargeboten weniger attraktiv als in einer szenischen Fassung. Eine andere Erkenntnis könnte lauten: Mut wird belohnt. Wenn eine radikale Inszenierung wie der „Macbeth“ des künftigen Oberspielleiters Markus Dietz die am besten besuchte Schauspielproduktion ist, kann sich ein Theater darin bestätigt fühlen.

Auch Uraufführungen wie Noah Haidles Schauspiel „Lucky Happiness Golden Express“, Ausgrabungen wie Wilhelm Furtwänglers zweite Sinfonie und anspruchsvolles Jugendtheater wie „Ausgesetzt. Ein wildes Kind“ kamen an. Künstlerischer Mut gehört auch dazu, sich Bekanntes auf neue Weise anzueignen, wie es der junge Kapellmeister Yoel Gamzou mit „Tosca“ und „Rigoletto“ erfolgreich vorgemacht hat. Solchen Mut muss man dem Staatstheater auch weiter wünschen. fgh@hna.de

Ein Brief an ... Patrick Schlösser

Bettina Fraschke schreibt dem Oberspielleiter

Lieber Patrick Schlösser, vier Jahre waren Sie Oberspielleiter am Kasseler Staatstheater. In anderen Branchen wäre das ein Wimpernschlag in einer stetigen Berufslaufbahn – am Theater ist das schon recht lang. Dazu kommt, dass Sie bereits in den Jahren zuvor hier inszeniert haben - gern erinnere ich mich aus dieser Zeit zum Beispiel an die tolle Komödieninszenierung „Viel Lärm um nichts“.

Das Kasseler Publikum konnte also Ihren künstlerischen Stil, Ihren Blick auf die Welt in diesen Jahren gut kennenlernen. Ich spreche sicher auch im Namen vieler anderer Theaterbesucher, wenn ich mich bei Ihnen für spannende und ungewöhnliche Theaterabende bedanke. Nicht alles fand ich komplett überzeugend, aber das macht ja nichts. Theater soll zur Auseinandersetzung anregen. In Erinnerung werden mir Abende wie der doppelte Shakespeare „Der Kaufmann von Venedig und sein Traum von Was ihr wollt“ bleiben, die Bühnengestaltung in „Hexenjagd“, natürlich das großartige Musical „Cabaret“ und das magische Sommerstück „Black Rider“.

Für das Ensemble war auch Ihre freundliche, verbindliche Art, Ihre Zugewandtheit und nicht-taktierende Offenheit wichtig. In unseren Begegnungen habe ich die ebenso sehr geschätzt wie den fachlichen Austausch. Jetzt gehen Sie, arbeiten frei, zünden die nächste Stufe Ihrer Kreativitätsentfaltung. Ich freue mich auf ein Wiedersehen, wenn Sie 2015 als Gastregisseur die Rockoper „Tommy“ stemmen. Und wünsche Ihnen von Herzen alles Gute, Ihre Bettina Fraschke.

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