Interview mit Sammy Amara von den Broilers

Sammy Amara von den Broilers über Kassels Punkspirit und Donald Trump

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Freut sich auf Kassel: Sammy Amara, Sänger der Broilers. 

Kassel. Die Broilers sind eine Punkrock-Kraft in Deutschland. Vor dem Auftritt in Kassel im August schaute sich Sänger Sammy Amaraer das Konzertgelände an. Ein Interview über Ahle-Wurscht-Tattoos und Kassels Punkspirit.

Es ist jetzt Nachmittag, kurz nach drei. Etwas früh für ein Interview mit jemandem, der seine Brötchen im Wesentlichen abends verdient, oder?

Sammy Amara:Um diese Zeit habe ich schon ein paar Kaffee drin. Stimmt, ich arbeite nachts und funktioniere dann besser. Ich will aber auch ein wenig von der Sonne sehen. Mein Tagesablauf ist so ziemlich das Gegenteil von dem eines Bäckers.

Das Konzert in Kassel wurde zum Schutz des Welterbes vom Bergpark auf das Gelände der Messe Kassel verlegt. Was ändert sich für die Zuschauer?

Amara:Nichts, denn die Broilers haben so oder so Spaß. Das zählt. Wir können ein etwas längeres Set spielen und es gibt ein Broilers-„Best of“. Beim Plattenaufnehmen sind wir Künstler, bei Konzerten Dienstleister.

Amara blickt aus dem Fenster der Redaktion und sieht am Horizont den Herkules: Am Konzerttag, an dem auch Wasserspiele im Bergpark sind, könnten zwei Partys gefeiert werden: mit Wasser und mit Bier.

In Kassel hatte die Punkband The Bates ihre Wurzeln. Wie viel Punkrock steckt in der Stadt?

Amara:Ach Quatsch, die kommen hierher? Allein deshalb hat die Stadt Punkspirit.

Könnte man Donald Trump einen Punk-Präsidenten nennen? Schließlich ist er respektlos, provokant und – seine Unterstützer sagen – authentisch.

Amara: Punk ist für mich was Gutes und Donald Trump ist für mich nichts Gutes. Auch wenn Provokation und Punk zusammengehören, für mich ist Punk nicht menschenverachtend, deshalb scheiden Trump und auch die AfD aus.

Ist Trump gut für Musik, könnte er ähnlich fruchtbar dafür sein wie Ronald Reagan und Margaret Thatcher in den 1980ern?

Amara:Ganz klar. Punk – Musik generell – ist für mich auch politisch. Es gibt Themen, über die ich schreiben muss. Sachen, die Menschen aufreiben, bringen sie in Bewegung. Deswegen ist das das Gute, was die ganze Scheiße mit sich bringt.

Haben Sie sich 1992 bei der Bandgründung der Broilers als Rebell gefühlt?

Amara: Ich hoffe, dass sich alle Jugendlichen als Rebellen sehen. Jugendliche müssen an Denkmäler pinkeln, das ist ganz wichtig. Ich bin kurz vor dem 39. Geburtstag, ich muss keine Laterne mehr austreten. Musikalisch auch nicht mehr mit der Dachlatte gegen etwas schlagen, das geht subtiler.

Gibt es etwas, was Sie heute tun, wofür Sie sich bei der Bandgründung verachtet hätten?

Amara:Ich glaube, ich hätte geschimpft, dass die Band jetzt so erfolgreich ist. Aber insgeheim hätte ich sie gehört. Junge Menschen wollen etwas für sich haben und es nicht mit dem Nachbarn teilen, der soll gefälligst Andreas Gabalier hören und nicht ihre Lieblingsband.

Gabaliers neues Album hat Amara noch nicht gehört. Macht aber kein Geheimnis daraus, dass er den Volksrocker nicht sehr sympathisch findet. Es sei gut, dass der nun von Kreuzen an der Wand singe und damit musikalisch sein Visier hochklappe.

Wie wichtig ist der kommerzielle Aspekt des Popgeschäfts?

Amara:Wir sind mit dem, was wir tun und wie wir es tun erfolgreich, ohne uns dafür verstellen zu müssen. Das ist ein großes Glück. Und: Wir haben ein eigenes Label gegründet, damit wir keine Kompromisse eingehen müssen. Man kann nie alle glücklich machen. Wer das versucht, kann eigentlich nur scheitern.

Nach einem Auftritt in der Schweiz hat sich die Band Käse-Tattoos stechen lassen. Gibt es bald auch eines mit Ahler Wurscht oder dem Herkules?

Amara: Dazu müsste ein Tattoo-Studio im Backstageraum sein, wie in der Schweiz.

Amara lacht und sagt, wenn ein Tattoo-Stand am Herkules aufgebaut würde, könnte er sich das mit dem Kassel-Tattoo überlegen...

Welche Spuren hinterlassen 20 Jahre Musikgeschäft?

Amara: Sagen wir es so, ich habe in den Spiegel geschaut – es graut mir langsam etwas.

Er geht sich mit den Händen durch die Haare. Seine nach hinten gegelte Frisur erinnert an die eines Rockabilly-Sängers. Dass Andreas Gabalier eine ähnliche hat, stört ihn.

Ihr Vater ist Iraker, Ihre Mutter Deutsche. Wie ist Ihr Verhältnis zu Deutschland?

Amara: Ich bewerte nicht, was Leute von ihrem Sessel aus ins Internet pupsen, sondern, was mir auf der Straße begegnet. Dass ich Migrationswurzeln habe, wurde mir von außen vermittelt. Als Kind damit konfrontiert, wusste ich nicht, was die von mir wollten – ich war wie mein Kumpel Martin.

Die Broilers haben mit „Zu den Wurzeln“ ein Stück auf ihrem aktuellen Album „Sic!“, das sich mit Herkunft beschäftigt. Viele Ideen für das nächste Album habe er schon, sagt Amara. Nach den Konzerten in Kassel und Wiesbaden, starten die Arbeiten. 2020 soll es rauskommen.   

Broilers in Kassel: 19.8., Messe Kassel, Karten: 0561/203204.

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