Wladimir Kaminer las und plauderte in Vellmar aus dem deutsch-russischen Alltag

Der Samowar-Buddhist

Aus welchem Buch soll ich lesen? Wladimir Kaminer in Vellmar bei „Sommer im Park“. Foto:  Fischer

Vellmar. Nach der Auflösung der Sowjetunion ist es wie bei einem Fleischwolf: Das Zerschredderte kann man nicht wieder zurück ins Gerät befördern. So sei es müßig zu fragen, ob jemand nach den früheren Zuständen Heimweh habe. Über dieses Stereotyp ärgert sich Wladimir Kaminer ebenso wie über die ihm dauernd gestellte Frage, ob er das derzeitige Mistwetter nicht möge - er sei doch als Russe Kälte gewöhnt. Nein, stellte der Schriftsteller bei seiner Lesung beim Vellmarer Sommer im Park ein für alle Mal fest.

Vor 350 begeisterten Zuhörern plauderte Kaminer aus seinem Berliner Familienleben und las Geschichten. Anfänglich etwas unkonzentriert wirkend, entspannte er mehr und mehr, was der fröhlichen Atmosphäre nur förderlich war, ebenso wie das auf seinen Wunsch angeschaltete Saallicht, das mehr Kontakt mit den Zuschauern ermöglichte.

So begegnete das Publikum Kaminers russischem Nachbarn, der erst eifrig das deutsch-russische Wörterbuch auswendig lernte, um dann bei intensiven Kulturstudien mit „Big Brother“ zu erkennen, dass fünf Sätze als deutsches Grundvokabular völlig ausreichten. Sein immenses Redebedürfnis stillte er bei einem Besuch von drei Zeugen Jehovas, die allerdings nie beim Verlassen seiner Wohnung gesichtet wurden.

Kaminer nimmt gern auch deutsche Gepflogenheiten aufs Korn. So mit Anwaltssöhnchen Karl-Friedrich, dem Freund seines Sohnes, der bei der „Erziehungsmaßnahme Kindertausch mit Übernachten“ erschreckend brav die ganze Nacht durchschlief, anstatt, wie es sich gehört, die Wohnung zu verwüsten. Mit Kindern über die Schule zu sprechen, so Kaminer, sei ohnehin stillos: „Das ist, wie Knastbrüder zu fragen, ob sie gern Reisekataloge lesen.“

Typisch deutsch sei auch die im Ökoladen erkennbare Lust, Lebensmittel zu essen, die unter Anstrengungen hergestellt wurden - wie die „von Invaliden handgedrehten Makkaroni“. Da hilft religiöse Gelassenheit: Als Kaminers Sohn eine Entschuldigung brauchte, weil er im Bio-Unterricht nicht „Würmer foltern“ wollte, brachte er religiöse Gründe vor. Kaminer bezeichnete sich auf Schulnachfrage kurzerhand als „Samowar-Buddhist“.

Von Bettina Fraschke

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