Gegensätzliches im Kulturzelt-Doppelkonzert

Stephanie Nilles begeisterte, Alexi Murdoch langweilte das Kulturzelt-Publikum

Betörend: US-Musikerin Stephanie Nilles am Flügel. Foto: Fischer

Kassel. Patienten, die unter Schlafstörungen leiden, sollten von ihren Ärzten eine Packung Alexi Murdoch verschrieben bekommen. Als der schottische Singer/Songwriter am Donnerstag im Kasseler Kulturzelt gerade solo sein zweites Lied gespielt hatte, war man schon fast eingenickt.

Unter all den angesagten Liedermachern mit Bart wie Bon Iver und William Fitzsimmons ist Murdoch der Sandmann. Der 37-Jährige zupfte ganz sanft seine halbakustische E-Gitarre, und selbst wenn er seine Stimme durch ein verzerrtes Mikrofon jagte, hatte das etwas Einlullendes.

Bekannt geworden ist Murdoch, weil seine Songs in Erfolgsserien wie „Dr. House“ liefen. Vor dem Fernseher tut ein bisschen Ruhe gut, aber ein einstündiges Konzert ist, nun ja, etwas eintönig. Auf der anderen Seite war es bewundernswert, dass sich Murdoch wirklich durch nichts aus der Ruhe bringen ließ - weder von den 250 Besuchern, von denen ein Großteil vorzeitig das Zelt verließ, noch vom peinlichsten Versprecher dieses Kulturzelt-Sommers.

Zwischen zwei Stücken sagte Murdoch, dass „ich erst das zweite Mal in Frankfurt bin“. Die Zuschauer widersprachen nicht - vielleicht weil sie schon schliefen. Zwei Lieder später merkte doch ein Besucher an, dass Kassel nicht Frankfurt sei, worauf Murdoch sich entschuldigte: „Dafür gibt es keine Entschuldigung.“

Zuvor hatte schon Stephanie Nilles um Verzeihung gebeten. Die US-Musikerin aus New Orleans war erkältet nach Kassel angereist und musste während mancher Songs husten - trotzdem ist sie schon jetzt eine Entdeckung dieser Saison. Wie Murdoch setzt die klassisch ausgebildete Pianistin nur auf ihre Stimme und ihr Instrument, mit denen sie jedoch sämtliche Stimmungen zum Ausdruck bringt.

Ihr jazziges Klavierspiel ist mal wild und schräg, dann aber auch wieder sehr ruhig. Und mit ihrer Stimme klingt die 28-Jährige tatsächlich manchmal wie Tom Waits, mit dem sie von Kritikern oft verglichen wird. Sie kann aber auch wie eine Sirene losheulen.

In ihren Liedern singt Nilles von der Öl-Katastrophe im Golf von Mexiko und der republikanischen Politikerin Sarah Palin, die für sie „die Hölle“ ist. Den „St. James Infirmary Blues“, den seit Louis Armstrong unzählige große Musiker interpretiert haben, beherrscht sie. Und am Ende überrascht sie mit einem Cover des HipHop-Klassikers „Break Ya Neck“, den sie noch schneller rappt als Busta Rhymes im Original.

Patienten, die erkältet sind, sollten sich das Gleiche verschreiben lassen, was Nilles vor ihrem Kasseler Auftritt im Tee hatte.

Kulturzelt, heute, 19.30 Uhr: Harold Lopez Nussa Trio & David Sanchez.

Von Matthias Lohr

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