In der Ruine

Satire auf Kunstrasen mit Ex-No-Angel: „My Fair Lady" bei Hersfelder Festspielen

Turbulent: Ilja Richter (Mitte) als Alfred P. Doolittle auf dem Weg zu seiner Hochzeit inmitten des Ensembles. Fotos: Landsiedel

Bad Hersfeld. Mit Witz und Nostalgie punktet der Musicalklassiker "My Fair Lady" bei den Bad Hersfelder Festspielen - und mit der ehemaligen No-Angels-Sängerin Sandy Mölling.

Es dreht sich alles um die Würde. „Ich habe nur Blumen verkauft, nicht mich selbst“, sagt Eliza Doolittle und drückt den Rücken gerade. Die junge Frau aus der Gosse lässt sich nicht demütigen. Aufsteigen möchte sie aber schon - für den Job. So unterzieht sie sich dem Drill beim Phonetik-Professor Henry Higgins, der geprahlt hatte, dass er es schaffen kann, die Straßengöre so zu trainieren, dass die bessere Gesellschaft ihre Herkunft nicht bemerkt.

„Reje seje ik ejer näjer“ - bis dieser Übungssatz zur Beobachtung von Paarhufern richtig über die Zunge rollt, wird fleißig gearbeitet im Hause Higgins, und was Sandy Mölling als Eliza und Cusch Jung als Professor da an komischen Funken schlagen, ist toll.

„Es grünt so grün“: Ein Höhepunkt in einer grundsoliden, qualitätvollen Inszenierung von Cusch Jung, die bei den Bad Hersfelder Festspielen zur Premiere des Musicals „My Fair Lady“ am Freitag in der Stiftsruine mit Standing Ovations gefeiert wurde.

Auch in diesem Jahr schuf Melissa King fulminante, extrem detailgenaue Choreografien. Schade, dass es nur wenige große Tanzszenen gibt. Höhepunkt hier: Ilja Richter (mit viel Bühnenpräsenz, Stimmkraft und Komik) als Elizas abgerockter Vater Alfred P. Doolittle im Kreis seiner Kneipenkumpels mit „Bringt mich pünktlich zum Altar“. Auch die blasierte Society beim Pferderennen ist eine Schau - Ella Späte hat bei den Kostümen hübsch dick aufgetragen, der einen Dame einen Schwan, der anderen eine Art dreistöckige Gardinentroddel-Konstruktion auf den Hut gezaubert.

Die Idee, das Geschehen draußen spielen zu lassen, mit Kunstrasen und Liegestühlen, löst sich gut ein (Bühne: Karin Fritz), modernisiert wurde die Gesellschaftssatire von Alan Jay Lerner und Frederick Loewe aber nicht. Bezüge zum Heute, zur Kluft in der Bevölkerung oder zur Mädchen-Drill-Anstalt einer Heidi Klum, lassen sich dennoch hervorragend ziehen. Hier wird ein Musicalklassiker gefeiert, regiert opulente Nostalgie, und so kann man dann auch schmunzeln bei Higgins wortwitzigen, abfälligen Sprüchen über die freche, ungewaschene Eliza („quakend wie ein gallenleidender Frosch“) - derer sie sich souverän erwehrt, im sicheren Bewusstsein, dass sie mit Training zwar besser sprechen, aber immer dieselbe bleiben wird. Eben: würdevoll.

Die tolle Sandy Mölling gibt ihrer Figur viele Facetten, ist mal mädchenhaft-schnuckelig, wenn sie nichts mehr ersehnt als ein Erdbeertörtchen, mal stolze Flamencotänzerin („Wenn Spaniens Blüten blühen“) und mal eine taffe Kämpferin. Der einstige No-Angels-Star gibt Eliza auch gesanglich eine eigene Färbung, mal prollig, mal sehnsuchtsvoll, und stets mit einer kleinen Brüchigkeit.

Cusch Jungs Higgins ist ein überstrenger, nervöser Typ. Etwas mehr Raum hätte er gebrauchen können für seine Wandlung vom eingefleischten Junggesellen zu einem Mann, der Gefühle für ein gewisses Blumenmädchen entdeckt. Sein Glanzstück: „Bin ein Mann wie jeder Mann“. Gunther Emmerlich ist ein witziger Oberst Pickering - liebevoll und herzerfrischend begriffsstutzig. Ein Publikumsliebling. In kleineren Rollen setzen Gertraud Jesserer (Mutter Higgins), Marlon Wehmeier (Freddy) und Jessica Kessler (Mrs. Pearce) schöne Akzente.

Christoph Wohlleben zaubert aus dem Graben einen süffigen Orchesterklang, schmelzig und opulent schon in der Ouvertüre, dann die vielfältigen Klangfarben und Stile des Musicalklassikers transparent akzentuierend.

Festspiele bis 28.8., Kartentelefon: 06621-640200.

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