Neu im Kino: Christian Freis grandiose Doku „Space Tourists“ über Weltraumtourismus und Resteverwerter

Schäferhütte aus Raketenschrott

In ein Fell gehüllt: Weltraumtouristin Anousheh Ansari nach ihrer Landung zurück auf der Erde. Foto:  nh

Erdenglück, das ist ein Apfel. Ein Tierfell, in dessen Wärme man sich mitsamt Raumanzug hüllen kann. Und das sind Menschen, die einem unter dem kuppelförmigen Helm liebevoll das verschwitzte Gesicht abwischen. Ganz irdisch beginnt Christian Freis fantastischer Dokumentarfilm „Space Tourists“: Mit Apfel und Fell. Anousheh Ansari, iranisch-amerikanische Weltraumtouristin, bekommt diese archaischen Willkommensgrüße zurück auf dem Erdboden, als sie mit der Sojus-Kapsel in der kasachischen Steppe landet. Eine Woche All liegt hinter ihr, und ist sie auch erschöpft, so strahlt ihr Gesicht beim Apfelkauen vor Glück doch wie die Morgensonne am Horizont.

Ins „Sternenstädtchen“

Christian Frei darf so nah an die Raumfahrer heran wie niemand vor ihm. Dem Schweizer Dokumentarfilmer gelingen nie gesehene Aufnahmen. Er ist bei der Sojus-Landung dabei, hat auch den Start der Rakete gefilmt, gar die Vorbereitung der Weltraumtouristen im „Sternenstädtchen“, einem abgeschirmten Kosmonauten-Trainingslager. Und an Bord der Raumstation I.S.S. hat Anousheh Ansari sich selbst und ihren schwerelosen Alltag begeistert gefilmt - und dieses Material dem Regisseur ebenfalls zur Verfügung gestellt.

So entsteht eine beeindruckende Collage in poetischen Bildern voller Weite und Schönheit. Christoph Frei zeigt, was aus der gloriosen sowjetischen Raumfahrt-Vergangenheit geworden ist. Er besucht Baikonur, den Weltraumbahnhof, der einst eine Großstadt mit 100 000 Bewohnern war - so geheim, dass er in keiner Landkarte verzeichnet war - und jetzt ein Geisterort ist, in dem auf dem Spielplatz die Blechraketen als Kinderspielzeug rosten.

Sein Erzähler ist Jonas Bendiksen, Fotograf der Agentur Magnum und genauer Kenner der russischen Raumfahrt. Durch Bendiksens Augen erleben wir die bröckelnden Plattenbau-Fassaden, die rostende Buran, Russlands Antwort auf das US-Spaceshuttle. Und Raumfahrt-Szenerien sehen auf einmal ganz anders aus als in den Hollywood-Filmen - allein für diese Perspektivenverschiebung kann man Frei dankbar sein. Hier im Osten ist Raumfahren noch Handwerk, Ingenieurskunst, Low-tech - da entstehen ganz andere Bilder als in den blinkenden Computerlandschaften der Nasa und aus Hollywood. Hier ist die beste Wärmequelle immer noch ein Tierfell.

Nach jahrelanger Vorbereitung gelingt Frei ein zweiter Coup: Er begleitet einen Trupp Raketenschrottsammler. Endlose Kilometer rattern die mit schweren Lastwagen in die Steppe und warten wodkatrinkend, bis die Sojus hoch in der Atmosphäre ihre Raketen absprengt. An den Aufprallort fahren sie dann mit ihren Schweißgeräten. Raketenschrott ist wertvoller Rohstoff. In China entsteht Alufolie aus diesen Sojus-Resten.

In der Steppe schweißen die schweigsamen Männer erstmal einen topfförmigen Tank von den Drei-Tonnen-Fundstücken los, um das mitgebrachte Fleisch darin über einem Feuer zum Nationalgericht Beschbarmak zu verarbeiten.

Raketen sind Alltag der Steppenbewohner. Im letzten Licht des Tages baut ein Hirte sich einen Unterstand aus glitzerndem Metall. Neben dem Raketenschrott weidet die Herde wie seit Jahrtausenden das harte Steppengras ab.

Genre: Dokumentation

ohne Altersbeschränkung

Wertung: !!!!!

www.hna.de/kino

Von Bettina Fraschke

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