„Wir sind ganz normale Leute“

Interview mit Schandmaul-Sänger Thomas Lindner

Sie haben mehr als eine halbe Million Platten und DVDs verkauft und waren sogar für den Echo nominiert. Trotzdem sind die Musiker der Münchner Band Schandmaul allenfalls Szenestars. Wir sprachen mit Sänger Thomas Lindner.

Herr Lindner, in vielen Plattenläden stehen die Schandmaul-CDs unter dem Schlagwort „Mittelalter-Rock“. Laufen Sie und Ihre Kollegen im Mantel und mit Schwert durch München?

Thomas Lindner: Nein, wir sind ganz normale Leute. Früher bin ich am Wochenende auch schon mal auf Mittelaltermärkte gefahren und fand diese Live-Rollenspiele gut, bei denen man sich im Wald mit Latexschwertern auf die Rübe haut. Heute ist mein einziger Bezug zum Mittelalter das Lesen von Fantasy-Romanen.

Diesen Hintergrund merkt man Ihren Songtexten an.

Lindner: Das stimmt. Fantasy und Märchen finde ich spannend, weil in jeder dieser Geschichten ein Fünkchen Wahrheit steckt, das man rausnehmen kann. Unsere Texte spielen darum nicht bei Saturn oder im Möbelgeschäft, sondern in anderen Welten.

Es gibt immer mehr Menschen, die aus der Realität in die Fantasie flüchten. Es gibt den Hype um Harry Potter, Vampirfilme und Piraten. Profitieren Sie davon?

Lindner: Ja, wir sind die Antwort für diese Suchenden. In der Kino- und Buchbranche gibt es den Trend schon länger. Viele Menschen brauchen diese Filme und Romane als Pendant zur Schnelllebigkeit des Alltags. Das kann ich gut nachvollziehen. Ich flüchte ja selbst in eine andere Welt, wenn ich auf der Bühne stehe. Dann gibt es für mich nur die Musik und das Publikum und keine unbezahlten Rechnungen.

Unbezahlte Rechnungen? Sie sind doch sehr erfolgreich. Ihr neues Album wird wohl in den Top Ten der Charts stehen, und ihr zehnjähriges Bandbestehen feierten Sie mit einem Konzert vor 7000 Fans.

Lindner: Stimmt. Es macht gerade sehr viel Spaß. Die Rechnungen haben wir selbstverständlich alle bezahlt (lacht).

Der Titel „Geas Traum“ handelt von einer Figur aus dem neuen Fantasy-Roman „Infinity - Der Turm“ von Wolfgang Hohlbein. Wie kam es, dass Sie den Bestsellerautor vertont haben?

Lindner: Wir haben ihm eine Mail mit einem Song geschickt. Den hätten wir gar nicht anhängen müssen. Er kannte Schandmaul bereits und hatte auch einige CDs von uns. Dann haben wir das Manuskript bekommen. Es ist nicht so einfach, 600 Seiten auf eine Din-A-4-Seite runterzukürzen.

Wie sind Sie darauf gekommen, E-Gitarren mit Schalmeien zu verwenden?

Lindner: Wir hatten gar nicht die Absicht, eine Band zu gründen. In den 90ern spielten wir in anderen Formationen Hardrock, Funk und Jazz. Irgendwann holten Anna und Birgit immer abgefahrenere Instrumente aus der Kiste. So wurden wir doch zur Band.

Was machen Sie: Folk-Rock?

Lindner: Wir nennen es Folk-Rock. Aber wenn wir im Laden unter Mittelalterrock stehen, können wir damit leben.

Können Sie auch damit leben, dass Sie trotz der Erfolge von vielen Medien ignoriert werden?

Lindner: Früher hat uns das tatsächlich ratlos gemacht, mittlerweile ist die Enttäuschung weg. Wir wollen keinen zu seinem Glück zwingen. Die Formatradios wollen unsere Nischenmusik nicht, weil sie ausschließlich auf den großen englischsprachigen Pop setzen.

Von Matthias Lohr

Hintergrund

Schandmaul spielen beim Eschweger Open Flair (11. bis 14. August). Tickets beim HNA-Kartenservice, 0561/203-204.

Sänger Thomas Lindner (links) gründete die Band Schandmaul 1998 mit anderen Musikern aus München und dem Umland. Der Folk-Rock-Sound mit mittelalterlichen Instrumenten prägte bereits das erste Album „Wahre Helden“. Den größten Erfolg feierten Lindner und (von links) Matthias Richter, Martin Duckstein, Stefan Brunner, Anna Katharina Kränzlein sowie Birgit Muggenthaler-Schmack 2008 mit „Anderswelt“. Auf Tour geht es nun mit Baby: Die Flötistin Muggenthaler-Schmack ist gerade Mutter geworden.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.